SmartCity: Der Ausbau der Infrastruktur zur kommunalen Mobilfunkversorgung und Datenerfassung lässt den Energieverbrauch explodieren

Peter Hensinger

Bundesregierung und Energieversorger versprechen, dass die digitale Vernetzung der Stadt mit intelligenten Energienetzen, dem vernetzten Verkehr, der Kommunikationstruktur dafür, zu großen Energieeinsparungen führen wird. Doch das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur, weil schon allein die Herstellung der Milliarden Smartphones und Tablets und ihre kurzen Produktzyklen einen riesigen Ressourcenverbrauch bedeuten, nicht nur, weil diese Geräte hauptsächlich zur Werbung für noch mehr Konsum eingesetzt werden, sondern v.a. der Betrieb der Kommunikationsinfrastruktur frisst Energie. Diese neue Infrastruktur für die SmartCity und die Datenerfassung wird gegenwärtig auch in Stuttgart Zug um Zug aufgebaut, mit Smart City, Smart Mobility und Smart Home, Smart School und Digitaler Bildung, mit der 5 G-Mobilfunktechnologie und freiem WLAN, mit Smartphones, Tablets und Wearables. Beleuchten wir kurz die Hauptelemente:

SmartCity:"Die hochentwickelte Smart City kann ein Internet of Things and Services sein: Die gesamte städtische Umgebung ist dabei mit Sensoren versehen, die sämtliche erfassten Daten in der Cloud verfügbar machen. So entsteht eine permanente Interaktion zwischen Stadtbewohnern und der sie umgebenden Technologie. Die Stadtbewohner werden so Teil der technischen Infrastruktur einer Stadt," so wird SmartCity bei Wikipedia definiert. Das bedeutet: alle Handlungen eines Bürgers werden lückenlos in Echtzeit erfasst. Die Stadt ist verwanzt. Die Erfassung erfolgt v.a. über Überwachungs-kameras mit Gesichtserkennung, WLAN und zukünftig über hunderte Kleinzellen für die 5 G-Frequen-zen. Die Algorithmen der städtischen Cloud erstellen ein fortlaufend aktualisiertes digitales Profil des Einwohners, der als gläsernen Bürger zum kontrollierbaren Datensatz wird.

Smart Mobility meint die Vernetzung der Verkehrsangebote, v.a. in Großstädten. Dazu gehört das autonome Fahren mit autonomem Navigieren, auch autonome S-Bahnen und Busse, aber auch die Erfassung aller Verkehrsteilnehmer zu Lenkung der Bewegungsströme. Die Erfassung erfolgt u.a. über WLAN im ÖPNV, in Zügen und über digitale Tickets.

SmartHome: Ein wesentlicher Datenlieferant ist die Wohnung, in der alle Dinge vernetzt sind: der Kühlschrank, die Waschmaschine, der Saugroboter, das SmartMeter, der Rolladen. Smarte Lautsprecher wie Amazon Echo mit Alexa oder Google Home, millionenfach verkauft, übernehmen in der Wohnung die Dauerüberwachung und Beeinflussung.

SmartSchool: Für das Leben ohne Privatsphäre und die Akzeptanz dieser vollüberwachten Stadt muss der Bürger erzogen werden, dafür soll gerade das Schulsystem reformiert werden, durch die Einführung der "Digitalen Bildung". Schulbücher werden durch Smartphones, Tablets und WLAN ersetzt, zentrale Schulclouds eingerichtet. Das eLearning in der geplanten Lernfabrik 4.0 wird von Algorithmen gesteuert werden. Die Schüler werden daran gewöhnt, einer Computerstimme als unfehlbarer Instanz zu folgen.

SmartPhone:Das Smartphone nimmt derzeit eine Schlüsselrolle ein: "Smartphones sind Messgeräte, mit denen man auch telefonieren kann ... Dabei entstehen riesige Datenmengen, die dem, der sie analysiert, nicht nur Rückschlüsse auf jedes Individuum erlauben, sondern auch auf die Gesellschaft als Ganzes" schreibt Yvonne Hofstetter. Das Smartphone ist das ideale Datensammel -, Überwachungs - und Manipulationstool. Es ist eine Superwanze, weil es immer beim Nutzer ist und nahezu lückenlos digitale Spuren hinterlässt. Es sind v.a. dauerfunkende Apps, die heimlich spionieren. In vielen Apps sind Spionagefunktionen versteckt, mit denen so ziemlich alle Daten auf einem Smartphoneausgelesen werden können, wie z. B. E-Mails, SMS, Kontakte, Instant-Messenger, Fotos oder Videos. Apps können das Smartphone orten, Telefongespräche abhören oder Fotos mit der Kamera schießen. Das derzeit flächendeckend aufgebaute WLAN- Netz ist nichts anderes als die Übertragungsstruktur für die Daten.

Diese Totalvernetzung erfordert lückenlose Mobilfunknetze. Für Stuttgart planen die Betreiber die Installation von hunderten neuen Kleinzellen und den Ausbau der schon bestehenden großen Sendeanlagen. Nicht ein Netz (Netsharing), sondern wiederum jeder Betreiber sein eigenes. Die Verseuchung der Umwelt mit elektromagnetischen Feldern (EMF), die von der WHO als möglicherweise Krebs erregend eingestuft sind, ist eine Folge. Man bedenke, dass EMF und Autoabgase von der WHO in derselben Schädigungsklasse 2B (möglicherweise krebserregend) eingestuft sind.

Digitalisierung für den Konsumrausch

Die SmartCity-Cloud, in der alle Vernetzungen zusammenlaufen, protokolliert lückenlos den Tages-ablauf eines jeden Bürgers, SmartMeter und SmartGrid protokollieren, wann seine Waschmaschine läuft, wann er einen Kaffee trinkt, wann er staubsaugt, was er im Fernsehen anschaut. Smartphones, Tablets und Wearables melden, wo er sich befindet, mit wem er was kommuniziert, was er Online in Tageszeitungen liest, welche Musik er hört, seinen Gesundheitszustand, was er einkauft bzw. bestellt, welche Verkehrsmittel er nutzt, was er googelt, Amazon Echo zeichnet intimste Gespräche und Vorgänge in der Wohnung auf. Die Erfassung wird dadurch immer niederschwelliger und massentauglicher. "Eigentlich ist es digital betreutes Wünschen mit einer Konsumfee, die jeden Tag selbstverständlicher, klüger, machtvoller wird ... Die Plattformkonzerne, die heute für so viele das Netz sind, erobern die älteste Kommunikationsform der Menschheit: das Gespräch. Und alle machen mit. Alexa regiert Deutschland,"schreibt der Blogger Sascha Lobo.

Alle Lebensbereiche sollen digitalisiert werden mit einem Ziel: das Wirtschaftswachstum anzuheizen. Das hat fatale Folgen: "Wirtschaft und Politik sehen in der Digitalisierung in erster Linie einen neuen Wachstumsmotor. Allein vom Internet der Dinge erwartet man in den nächsten zehn Jahren in Deutschland 30 Milliarden Euro zusätzliche Gewinne für die Industrie und ein Prozent Wachstum pro Jahr. Aus ökologischer Sicht ist das fatal. Mehr Wachstum bedeutet, dass mehr produziert und verbraucht wird", schreibt der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Tilmann Santarius in der ZEIT (6/2018, S.35). Das hat schon Harald Welzer kritisiert: "Auch in dieser Hinsicht ist das Digitale fossil. Es verbrennt Zukunft. Radikal"(1). Einen nicht gleich sichtbaren globalen Effekt hat damit die Digitalisierung: Sie ist der Katalysator zum Hyperkonsum. Hyperkonsum bedeutet sinnlose Ressourcenvernichtung und dadurch Beschleunigung der Klimakatastrophe: "Die wachsenden Emissionsmengen, die den Klima-wandel anfeuern, haben ihre Ursachen in Konsum und Hyperkonsum" (WELZER 2016:16). Dazuhin ist die Vernetzung aller Dinge ein enormer Stromfresser.

1 https://www.protectmydevice.de/spionage-app-erkennen/ www.pc-magazin.de/ratgeber/so-erkennen-sie-spionage-apps-1332677.html 2 Smartphones haben verheerende Emissionsbilanz. Schadstoffausstoß höher als der von Energieumwandlung und Verkehr, https://www.pressetext.com/news/20180306017, 06.03.2018; LUTZ, J (2017): Informationstechnik und Industrie 4.0 unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit, Community.dialog, Ausgabe 01-2017 I Februar 3

Mobilfunknetze sind Energieschleudern

Der Energieverbrauch wird durch den Ausbau der städtischen Mobilfunkinfrastruktur explodieren. Darauf weist Prof. Josef Lutz (TU Chemnitz, Lehrstuhl für Leistungselektronik und elektromagnetische Verträglichkeit,) in dem Artikel "Informationstechnik und Industrie 4.0 unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit" hin: "Im Jahr 2006 wurden bereits 10% des Stroms auf der Welt von der Informationstechnik verbraucht, mit der Perspektive eines starken Anstiegs. 2017 gehe ich eher von mehr als 15% aus. Die "Kitakyushu Research Group for Sustainability" schätzt: Bis 2025 wird der Datenverkehr um den Faktor 200, der benötigte Stromverbrauch um den Faktor 5 zunehmen. 5 x 15% = 75% mehr Stromverbrauch? Unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit wäre das eine Katastrophe," schreibt Lutz. "Nachhaltigkeit ist das wichtigste Kriterium. Pläne, die dazu in Widerspruch stehen, sind kein Fortschritt für die Gesellschaft", stellt Lutz fest und fordert ein Umdenken.

Das bestätigt aktuell eine kanadische Studie: "Im Jahr 2040 werden Smartphones, Datenzentren und andere Kommunikationssysteme die größte Gefahr für die Umwelt sein, schlimmer als Energieumwandlung, Verkehr und Industrie. Das ist das Ergebnis einer Studie von Lotfi Belkhir, Forscher an der W Booth School of Engineering Practice and Technology (http://eng.mcmaster.ca). Vor allem der Emissionsausstoß bei der Produktion ist ein großes Problem... Gemeinsam mit seinem Kollegen Ahmed Elmeligi hat der Wissenschaftler den Kohlenstoff-Fußabdruck von Geräten der Informations- und Kommunikationstechnik (IuK) analysiert - also Handys, Laptops und Tablets sowie die notwendige Infrastruktur, die unter anderem Datenzentren und Funk- sowie Sendeanlagen für den mobilen Datenverkehr umfasst. Die Experten fanden zum einen heraus, dass Software die Verbreitung von IuK-Geräten beschleunigt. Zum anderen seien die Emissionen bei der Produktion und während des Gebrauchs deutlich höher als bisher vermutet. "Derzeit wächst die IuK-Industrie um 1,5 Prozent pro Jahr. Wenn das so weitergeht, wird diese Branche im Jahr 2040 für 14 Prozent aller Emissionen verantwortlich sein", sagt Belkhir. Das entspräche der Hälfte dessen, was der Verkehr weltweit verursache. "Bei jeder SMS, jedem Telefonat und bei jedem Up- oder Download eines Videos ist ein Datenzentrum eingeschaltet, das diese Kommunikation ermöglicht", erläutert der Forscher. Netzwerke und Datenzentren hätten demzufolge einen gigantischen Energieverbrauch. Der Strom komme meist aus fossilen Kraftwerken. "Es ist ein Energieverbrauch, den wir nicht sehen", so Belkhir."

Das Ergebnis des derzeit stattfindenden Umbaus der Städte zur SmartCity ist eine Beschleunigung der globalen Umweltzerstörung. Angesichts des Klimawandels stellt die neue Bundesregierung mit dem Schwerpunkt "Wachstum durch Digitalisierung" die Weichen in Richtung Klimakatastrophe. Das können wir nicht hinnehmen.

3 LUTZ, J (2017): Informationstechnik und Industrie 4.0 unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit, Community.dialog, Ausgabe 01-2017 I Februar4 Smartphones haben verheerende Emissionsbilanz. Schadstoffausstoß höher als der von Energieumwandlung und Verkehr, https://www.pressetext.com/news/20180306017, 06.03.2018



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