BUND Kreisverband Stuttgart

Wie geht es weiter mit der Klimaneutralität 2035 in Stuttgart?

08. Juli 2022 | Energiewende, Klimawandel, Lebenswertes Stuttgart, Mobilität, Nachhaltigkeit, Ressourcen & Technik

Stuttgart strebt an, bis 2035 klimaneutral zu werden. Über die Machbarkeit hat sie ein Gutachten bei der Firma McKinsey beauftragt. Am 27. Juli soll es im Gemeinderat einen finalen Beschluss geben. Der BUND, parents for future und scientists for future kommentierten auf einem gemeinsamen Pressegespräch am 6. Juli das Gutachten und machten konkrete Vorschläge, wie wir die Energiewende in Stuttgart besser voranbringen können. Diese sind im Folgenden stichpunktartig genannt.

Auch wenn dieser Blick auf Stuttgart bereits aus dem Frühjahr 2021 stammt, zeigt er doch die heutige Situation: Eine Umsetzung der Energiewende ist in Stuttgart kaum sichtbar.  (Bildquelle: BUND-Kreisverband Stuttgart)

Inhalte des gemeinsamen Pressegesprächs der Klimaschutzorganisationen

  • BUND-Kreis- und Regionalverband Stuttgart (Gerhard Pfeifer),
  • parents for future (Dr. Ulrich Schmid) und
  • scientists for future Stuttgart (Dr. Markus Klinsmann, Christoph Glawe)

am Mittwoch, dem 6. Juli 2022, ab 10:30 Uhr im Umweltzentrum, Rotebühlstr. 86/1, S-West

zum Thema

Wie geht es weiter mit der Klimaneutralität 2035 in Stuttgart?

Treibhausgasbudget

Die Treibhausgasneutralität im Jahr 2035 stellt eine fundamentale Verbesserung der bisherigen Zielvorgaben der Landeshauptstadt Stuttgart dar. Es ist ein Beitrag, um die Pariser Klimaziele - die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen - einzuhalten: Bei einem linearen Reduktionspfad begrenzt sich die Erderwärmung zu 50 % auf unter 1,6 Grad Celsius und zu 66 % auf unter 1,75 Grad Celsius, wenn jedem Menschen die gleiche Menge Treibhausgase zusteht wie den Stuttgarter Bürgern. Insbesondere können die im Pariser Vertrag geforderten Anstrengungen, die Erderwärmung auf unter 1.5 Grad Celsius zu begrenzen, mit steigender Wahrscheinlichkeit eingehalten werden, wenn früh etablierten Maßnahmen zu einer Treibhausgasreduktion führen, die schneller als ein linearer Pfad ist.

 

Photovoltaik

  • Laut Net-Zero ist eine Verhundertfachung (!) der PV-Leistung notwendig.
  • Im Jahre 2019: 19 Gigawatt-Stunden. Im Jahre 2035: 1846 Gigawattstunden.
  • BUND/S4f/P4f: „Ab sofort zählt jeder Quadratmeter neue Modulfläche!“.
  • Problem: Untere Denkmalbehörde / Denkmalschutz erlaubt keine PV auf Wolfbuschschule, Gaskessel, Gründerzeit-Wohnhäuser, etc.
    Untere Denkmalschutzbehörde bei Stadt soll vorhandene Entscheidungsspielräume mehr nutzen pro PV. Angekündigte Änderungen seitens des Wohnungsbauministeriums (Razavi) werden erfahrungsgemäß noch eine längere Zeit dauern. (Nur noch bei einer erheblichen Beeinträchtigung Ablehnung einer PV-Anlage)
  • Mehr Werbung für Fassaden-PV, z.B. Rathausturm, Gaskessel. Neuer Technologie wie Dünnschichtmodule und Solarziegel.
  • PV auf Parkplätzen – bisher noch kein einziges Projekt realisiert
  • Vorschlag BUND: Städtischer, öffentl. Parkplatz Egelseer Heide östlich von Rotenberg – rund 2000 m2 -> ~200 kWp 
  • PV über viele Garagenquartiere. Vorteil wenige Beschattung der Module durch Bäume
  • PV über Tennisplätzen, Kleinspielfelder, etc., Vorteil gleichzeitig Sonnenschutz für Sportler*innen
  • PV über geplante Radschnellwege, z.B. Wildparkstraße. Vorteil gleichzeitig Witterungsschutz für Radfahrende
  • PV auf allen Haltestellen. Vorteil Witterungsschutz und Schattenspender im Sommer
  • Zusätzliche Zuschüsse, wenn bei PV-Installation gleich auch der Nachbar motiviert wird. (Je mehr Nachbarn, desto mehr Zuschüsse - sollte wirklich gleich ein ganzen Häuserzug erreicht werden, lässt sich eventuell auch ein Rabatt bei der Solarteur-Firma erwirken - dafür bräuchte es aber koordinierte Unterstützung von der Stadt)
  • Manche Stromanbieter bieten schon Modelle an, wie der eigens erzeugte Strom Nachbarn oder Familienmitgliedern angerechnet werden kann. Warum die Stadtwerke noch nicht?

 

Wärme

  • Bau von Wärmenetzen muss neben der energetischen Sanierung höchste Priorität und Dringlichkeit haben - insbesondere im Bestand, z.B. Weilimdorf-Süd
  • Förderung von Öl-Heizungsumstellungen nur noch für Anschluss an Wärmenetze oder elektrische Wärmepumpen. Gas- (auch biogen) und Pelletheizungen nicht mehr förderfähig.
  • Förderung von besonders leisen Wärmepumpen. Wegen dichter Bebauung in Stuttgart Nachbarschaftskonflikte vorprogrammiert
  • Nutzung von Tunnelwärme, insbesondere in SSB-Tunnels verstärkt angehen. Insgesamt 28 km Stadtbahntunnelstrecken.- Stadt hätte Zugriff im Gegensatz zu DB-Tunneln.
  • Nutzung von Neckarwärme verstärkt angehen. Ökologisch auch sinnvoll, da Wassertemperaturen durch Stauhaltung und Klimawandel immer mehr steigen.
  • Zertifikate für Betriebe, ausgehändigt durch die Stadt (EZB), anhand derer die Kunden wissen, dass der Installateur sich mit dem Thema Wärmepumpe auch wirklich auskennt. 
  • Parkerleichterungen für Handwerker-Fahrzeuge mit Energiewende-Aufträgen (Heizungsumbau, Solar, Dämmung).

 

Verkehr

  • Unsere Kritik: Mobilitätssektor nur 14 % Treibhausgasemissionen. In BW aber 29 %
  • Überwiegend Antriebswende und keine Mobilitätswende.
  • Net-Zero: 70 % Klimawirkung durch Batterie- und Brennstoffzellenantrieb. Annahmen 2035 fahren keine Verbrenner mehr im Stadtgebiet.
  • Nur 25 % Verlagerung und nur 5 % Verkehrsvermeidung
  • Seriöse Studien gehen von einer notwendigen Reduktion des Autoverkehrs zwischen 50 und 85 %, z.B. Mobiles Baden-Württemberg
  • Net-Zero Ziele gehen auch nicht synchron mit bisherigen Priorisierungen des Stuttgarter Klimamobilitätsplanes. Dort Schwerpunkt auf Verlagerung, z.B. Ausbau Fuß- und Radwegenetz, Ausbau Bahnnetz und Attraktivierung ÖV sowie Neuaufteilung von Verkehrsflächen. Alternative Antriebe wurden von 16 Maßnahmen nur am Ende mit Rang 15 priorisiert.
  • Vorschläge für konkrete Sofortmaßnahmen von uns: Straßenraum zugunsten Umweltverbund umverteilen, Parkplätze reduzieren und verteuern (Anwohnerparken), Tempolimits, Nahverkehrsabgabe

 

Zusatzmaßnahmen

  • Speicherung Kohlendioxid aus Müllverbrennung unter der Nordsee wird von uns kritisch betrachtet (6 % der Gesamtemissionen). Technologie ist überhaupt nicht ausgereift und birgt hohe ökologische Risiken (UBA) - zu dem extrem teuer - Geld sollte besser in Ausbau Erneuerbarer Energien investiert werden.

 

 

Allgemein/Bürgerbeteiligung

  • Wir bedauern, dass die Bürgerschaft während der Erstellung der McKinsey-Studie nicht bzw. nur marginal beteiligt war. Dementsprechend kommt auch in der Net Zero Kurzstudie die Bürgerbeteiligung zu kurz. Fast alle Maßnahmen zum Klimaschutz müssen aber - unter Unterstützung der Stadtverwaltung - aus der Bevölkerung kommen, deswegen muss die Bürgerbeteiligung massiv ausgebaut werden.
     
  • Die besten Lösungen können aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen und Umsetzungsmöglichkeiten nur quartiersbezogen erfolgen. Wir werden unsere Mitglieder und auch diejenigen anderer gesellschaftlichen Verbände, insbesondere die Umweltverbände, dazu aufrufen, sich in ihren Quartieren zu organisieren, um - idealerweise gemeinsam mit der Stadtverwaltung - alle klimarelevanten Maßnahmen zu planen und durchzuführen. Es gibt erfolgreiche Beispiele, deren Erfahrungen wir nutzen können.
     
  • Gleichzeitig fordern wir die Stadtverwaltung dringend auf, den Klimaschutz als gemeinsame Aufgabe zu begreifen, Kompetenzen und Ressourcen zu bündeln und klare Verantwortlichkeiten mit dem Ziel einfacher und schneller Abläufe zu schaffen. Wir schlagen die Bildung einer mit Durchgriffsrechten ausgestatteten task force um den Oberbürgermeister herum vor, und die Bürgerbeteiligung aktiv voranzubringen.
     
  • Die Energiewende muss in Stuttgarter in der Tat - wie die McKinsey-Studie attestiert - sichtbarer werden. OB Nopper als Person sollte dies stärker verkörpern und jede Gelegenheit, insbesondere bei öffentlichen Auftritten, für diesen Zweck nutzen.

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