BUND Kreisverband Stuttgart

„Das kann man noch essen!“ – Foodsharing in Stuttgart

03. März 2021 | Lebenswertes Stuttgart, Nachhaltige Ernährung, Nahrungsmittel

Mein Nachbar Peter ist toll. Und das ist so, weil er mir sehr sympathisch ist und darüber hinaus versorgt er mich ab und an mit leckeren Kleinigkeiten. Heute waren es zwei Rosinenbrötchen und zwei Apfelteilchen. Peter umsorgt mich und ganz nebenbei rettet er Lebensmittel.

Pexels, Josh Hild

Lebensmittel vor der Tonne retten

Eine halbe Mio. Tonnen Lebensmittelabfälle entstehen jährlich durch den Groß- und Einzelhandel in Deutschland. Dies entspricht dem Gewicht von ungefähr 30.000 unbesetzten Stadtbussen. Eine unvorstellbar große Zahl. Diese Nahrungsmittel müssen, wenn sie nicht mehr in den Verkauf gehen, teuer entsorgt werden.

Doch welche Lebensmittel werden nicht mehr zum Verkauf angeboten?

Nicht nur Rosinenbrötchen brachte mir Peter bereits von einem Biosupermarkt hier in unserer Nachbarschaft mit, sondern auch leckere Avocados, Bananen, Milch und Brot. Die Avocados waren weich, die Bananen hatten eine leicht bräunliche Schale, die Milch hatte nur noch wenige Tage bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum (kurz: MHD). Auch das Brot wäre morgen bereits ein altes Brot von gestern gewesen, das nicht gekauft wird.
Solche Waren sind aber qualitativ einwandfrei und zu schade für die Tonne. Also rettet Peter sie. So spart sich der Betrieb die teure Entsorgung der Lebensmittel, setzt dabei ein Zeichen gegen die Nahrungsmittelverschwendung und Peter füllt seinen Kühlschrank mit köstlichen Produkten auf.

Foodsharing in Stuttgart

Es ist natürlich ein netter Nebeneffekt, wenn man kostenlose Lebensmittel vom Biosupermarkt oder dem Bäcker um die Ecke abholen kann. Doch wer hier nur auf ein kostenloses Essen aus ist, der ist bei Foodsharing fehl am Platz. Wenn Peter sich zu einer Abholung einträgt, so hat er meist ein enges Zeitfenster. Mitarbeitende stellen die aussortierten Waren zurecht und in Teamarbeit sortieren die zwei Ehrenamtlichen von Foodsharing die Artikel für sich aus, die noch essbar sind. Verschimmeltes findet auch bei ihnen den Weg in die Tonne. Den Rest müssen die Retter*innen mitnehmen. Mal ist es mehr, mal weniger.
So kam er schon mit einer ganzen Kiste Bananen nach Hause und hat für unser Haus fleißig Bananenbrot gebacken und viele Bananen im Freundeskreis weiterverschenkt. Weiterverkaufen darf er die Waren nicht, verschenken aber schon. So gibt es auch die sogenannten „Fairteiler“. Das sind für jeden frei zugängliche Sammelstellen, in der Regel Kühlschränke, die von Ehrenamtlichen bei Foodsharing mit diesen Lebensmitteln befüllt werden. Schau doch selbst einmal bei einem Online-Kartendienst nach. Diese Fairteiler werden nicht nur regelmäßig befüllt, sondern auch immer wieder gereinigt und bleiben so hygienisch sauber.

Bisher hat Peter schon 1216 kg Lebensmittel gerettet und das bei 60 Abholungen.
Doch er ist nicht der einzige, der hier in Stuttgart Lebensmittel vor dem Wegwerfen rettet. Fast 2500 „Foodsafer“ sind in Stuttgart aktiv. „Foodsafer“ – so heißen die Ehrenamtlichen, die Lebensmittel bei insgesamt 285 Stuttgarter Betrieben abholen.

Lebensmittelverschwendung

Der größte Anteil an verschwendeten Lebensmitteln entsteht jedoch nicht durch den Groß- und Einzelhandel. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (kurz: BmEL) hat erst im September 2019 eine Studie in Zusammenarbeit mit der Universität Stuttgart durchgeführt, deren Zahlen du hier entnehmen kannst.
Von den dort veranschlagten 12 Mio. Tonnen Lebensmitteln, die sprichwörtlich für die Tonne waren, stammen mehr als die Hälfte aus den privaten Haushalten. Peters Rettungsaktionen rüttelten mich wach: Was landet bei mir in der Tonne? Kann ich den Joghurt noch essen? Auf ihm ist doch deutlich das Datum von gestern als MHD aufgedruckt.

Problem mit MHD

Daher noch kurz das Wichtigste: Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist nicht mit dem letztmöglichen Tag gleichzusetzen, an dem ein Lebensmittel bedenkenlos verzehrt werden kann. Lediglich Form, Farbe, Geruch und Konsistenz sind bis zu diesem Datum garantiert. Supermärkte dürfen solche Waren zwar nicht mehr zum Verkauf anbieten, doch kann man sie mit gutem Gewissen und Appetit noch verzehren. Lediglich einige wenige Waren wie rohes Fleisch sollten nicht über das „Verbrauchsdatum“ hinweg verwertet werden, da mikrobiologische Risiken für die Gesundheit bestehen könnten. Das MHD ist also kein „Wegwerfdatum“. Mit gesundem Menschenverstand sind die meisten Lebensmittel noch weit darüber hinaus sehr köstlich.

Peter rettet Lebensmittel und ab und an helfe ich ihm dabei. Guten Appetit.

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