BUND Kreisverband Stuttgart

In Deutschland wird viel zu viel Billigfleisch gekauft

22. Juni 2021 | Massentierhaltung, Nachhaltige Ernährung, Tierwohl

Der Großteil der in Deutschland konsumierten Fleischwaren entstammt der industriellen Fleischproduktion. Dieses sogenannte „Billigfleisch” wird in Betrieben mit Massentierhaltung produziert, die Tiere werden gemästet und unter dem Aspekt der Kostenminimierung verarbeitet. Das Ziel ist, den Verbraucher*innen einen möglichst geringen Einkaufspreis zu bieten. Je schneller und damit kürzer der Mastprozess, je mehr Tiere pro Fläche gehalten werden und je niedriger die Lohnkosten für die Arbeitskräfte sind, umso billiger kann das Fleisch angeboten werden.

Massenware Fleisch: Marinierte Hähnchenschenkel

In Deutschlands Supermärkten und Discountern ist vom damit verbundenen Tierleid und den grausamen Bedingungen, unter denen die Tiere gehalten werden, nichts zu sehen. Verpackungen suggerieren glückliche Weidekühe, die Wurst in Form von lustigen Gesichtern soll Kindern die Produkte schmackhaft machen und einzeln verpackte Burger und Wurstscheiben lassen nicht auf das Tier schließen, von dem sie stammen. Die Einstufung in Haltungsformen soll für ein gutes Gewissen sorgen, wenn nicht die schlimmste Haltungsform gewählt wird. Diese Tricks der Fleischindustrie, den Konsument*innen eine heile (Tier-)Welt vorzugaukeln, scheinen in vielen Fällen zu funktionieren – schließlich stammen laut Greenpeace etwa 88% des Frischfleischs der Supermarkt-Eigenmarken von Tieren aus den Haltungsformen 1 oder 2, welche von Greenpeace als qualvoll und teilweise gesetzeswidrig eingestuft werden [1]. In Deutschland wurden 2020 im Durchschnitt fast 60 Kilogramm Fleisch pro Person verzehrt [2]. Im Schnitt verbraucht ein Deutscher im Laufe seines Lebens 4 Rinder, 46 Schweine, 945 Hühner, dazu einige Schafe, Gänse, Enten und Puten – insgesamt 1.094 Tiere [3].

Tierschützer*innen prangern schon lange die grausamen Bedingungen der Massentierhaltung an und viele Menschen sind dagegen [4]. Trotzdem ist der Konsum von „Billigfleisch” enorm hoch, was bedeutet: Billigfleisch wird qualitativ hochwertigerem Fleisch, welches teurer ist, vorgezogen. Ein Experiment von Lidl und Kaufland im Dezember 2020 zeigt dies deutlich: Beide Unternehmen erhöhten die Preise für zehn Schweinefleischartikel um einen Euro pro Kilo, um die heimischen Bauern zu unterstützen. Nach ein paar Monaten wurde der Preis wieder gesenkt – Gründe waren nach Angaben der Unternehmen, dass die Kund*innen diese Produkte nicht mehr kauften, sondern stattdessen vermehrt andere, billigere Fleischprodukte [5].

In Deutschland geht es den Menschen finanziell besser als in vielen anderen Ländern weltweit – mit durchschnittlichen Lebensmittelausgaben von ca. 10% ihres Gehalts liegen sie weltweit auf Platz 9 der “Gering-Ausgeber” [6] und etwas unter dem EU-Durchschnitt von ca. 12% [7]. Hier muss aber weiter differenziert werden, da der individuelle Fleischkonsum in Deutschland tendenziell mit höherer Bildung und höherem Einkommen abnimmt [2]. Doch auch wenn die Konsument*innen bereit sind, mehr zu bezahlen, ergeben sich neue Probleme. Beispielsweise ist weißes Brustfleisch vom Huhn sehr beliebt, dafür werden vergleichsweise hohe Preise gezahlt [8]. Da es aber kaum Nachfrage nach dem Rest des Tieres gibt, werden die Reststücke zerhackt und exportiert. Das führt in den Importländern, oft afrikanische Länder, zu einer Zerstörung der einheimischen Fleischproduktion, da die heimischen Fleischerzeuger nicht mit den niedrigen Preisen der Importware mithalten können. Die Gülle aber, die bei der Produktion von Exportfleisch entstanden ist, bleibt in Deutschland – und verstärkt hier das Nitratproblem für unser Grundwasser. Da die vielen Tiere viel mehr Gülle produzieren als die Böden aufnehmen können, gelangt das überschüssige Nitrat ins Grundwasser, dessen Aufbereitung von Steuergeldern bezahlt wird. Außerdem steigt durch den hohen Antibiotikaeinsatz das Risiko multiresistenter Keime, welche eine Gefahr für unsere Gesundheit und unser Gesundheitssystem sind. Weiter entstehen durch die hohe Konzentration großer Mastbetriebe in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen lange Transportwege durch ganz Deutschland, die zu einem höheren LKW-Aufkommen führen. Durch den hohen Billigfleischkonsum treten Probleme auf, die unsere ganze Gesellschaft zu tragen hat. Wer an dieser Situation etwas ändern möchte, fängt am besten bei sich selbst an und setzt einen verantwortungsvollen Fleischkonsum um!

 

Quellen: 

[1] www.greenpeace.de/billigfleisch

[2] https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/massentierhaltung/massentierhaltung_fleischatlas_2021.pdf

[3] www.boell.de/sites/default/files/fleischatlas_1_1.pdf

[4] www.tagesschau.de/mehr/faktenfinder/fleischpreise-105.html

[5] www.merkur.de/verbraucher/lidl-kaufland-billig-fleisch-preis-discounter-tierhaltung-bauern-90212005.html

[6] https://www.vexcash.com/blog/internationale-ausgaben-fuer-lebensmittel/

[7] https://www.capital.de/wirtschaft-politik/so-viel-geben-europaeer-fuer-lebensmittel-aus#

[8] https://utopia.de/ratgeber/wir-sind-billig-fleisch-deutschland-auf-dem-weg-zum-groessten-fleisch-exporteur-der-welt/

 

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