BUND Kreisverband Stuttgart

Welttag der Stadtplanung: Wege zur klimaneutralen Wärmeversorgung

09. November 2022 | Energiewende

Das Land, in dem grüne Wärme und grüner Strom fließen - eine Utopie?

 (Daniel Schwermann / BUND KV Stuttgart)

Du hast von einem Land gehört, in dem die Wärmeversorgung klimaneutral ist. Du bist bereits auf dem Weg dorthin, weißt aber nicht, ob es nur eine Utopie ist und wann oder ob Du dieses Ziel je erreichen wirst. In diesem Land ist die Bevölkerung sehr sicher vor Einflüssen von außen (schwankende Energiepreise). Außerdem ist es in der Lage, sich wärmeseitig vollständig selbst zu versorgen, ohne auf Ressourcen von außerhalb angewiesen zu sein. Du versuchst dich also dorthin zu begeben. Nach kurzer Zeit stellst Du fest, eine Stadtmauer verhindert, dass Du dieses Land erreichen kannst. Du siehst, dass nur vereinzelt andere Personen auf der anderen Seite angekommen sind.

Während der Anteil erneuerbarer Energien bei der Stromversorgung bereits gestiegen ist (Anteil 41 % an Bruttostromverbrauch, Stand 2021), steckt die Wärmewende in Deutschland noch in den Kinderschuhen und hinkt mit weitem Abstand hinterher. Das ist nicht akzeptabel, wenn bedacht wird, dass die Wärmeversorgung ca. 55 % (Stand 2020) des Energieverbrauchs in Deutschland ausmacht. Ca. 68 % des Wärmebedarfs wird mit den fossilen Energieträgern Mineralöl, Erdgas und Kohle gedeckt. Werden noch die Anteile an fossilen Energieträgern zur Erzeugung bei Fernwärme und Heizstrom berücksichtigt, liegt der Anteil erneuerbarer Energien bei nur ca. 16 % (Stand 2021).

Dir fällt jetzt auch wieder ein, warum Du dich eigentlich auf den Weg gemacht hast. Denn Du stellst dir die Fragen: Wie kann ich meine Heizkosten bei dem immensen Anstieg der Energiepreise senken? Muss ich im Winter frieren? Wie komme ich weg von fossilen Energieträgern?

Du siehst, dass es zwei Gruppen gibt, die voneinander getrennt stehen und sich jeweils beraten, wie sie auf die andere Seite kommen. Bei beiden Gruppen steht jeweils ein Schild. Auf dem einen steht „Einzelversorgungslösungen“, auf dem anderen „Nah- und Fernwärmenetze / gemeinschaftliche Versorgung“. Du siehst zunächst nicht, welche Gruppe die bessere Lösung bietet und entscheidest, dich der Gruppe Nah- und Fernwärmenetze anzuschließen. Du wirst begrüßt und Dir wird erklärt, dass es keine klare Definition gibt, wann von Nah- und wann von Fernwärme gesprochen wird. Deswegen wird in weiteren Gesprächen der Einfachhalt halber immer der Begriff Fernwärme genutzt. Zunächst werden dir die Grundlagen der Fernwärme erläutert. Bei der Fernwärme wird die Wärme nicht im Gebäude selbst, sondern an einer oder mehreren außenliegenden Energiezentralen erzeugt und dann über Leitungsnetze bis zum Gebäude transportiert. Dort wird sie dann über eine Übergabestation an das Heizungssystem des Gebäudes weitergegeben.

Mit einem Anteil von 8,5 % am gesamten Wärmeenergieverbrauch spielt Fernwärme in Deutschland noch eine untergeordnete Rolle. Sie wird hauptsächlich (zu 78 %, Stand 2021) über fossile Energieträger erzeugt. Die Erzeugung von Fernwärme erfolgt zu ca. 85 % über einen Kraft-Wärme-Kopplungs-Prozess (KWK), also einem Prozess, in dem gleichzeitig Wärme und Strom erzeugt werden.

„Fernwärme gibt es doch nur mit einem hohen Anteil fossiler Energie! Das ist ja sehr zukunftsweisend“, merkst Du sarkastisch an.

Einige Leser*Innen wissen, dass Fernwärme von Energieversorgern oft mit einem CO2-Emissionsfaktor von 0 gCO2/kWh angegeben werden. Das ist sogar möglich, wenn nur fossile Energieträger eingesetzt werden. Die durch die Stromproduktion der KWK-Anlagen eingesparten CO2-Emissionen werden der Wärme gutgeschrieben. Zur Gutschrift wird der sogenannte Verdrängungsstrommix angesetzt. Dieser Verdrängungsstrommix entspricht in etwa dem Emissionsfaktor, der aus der Erzeugung von Strom mit Steinkohle resultiert. Eine Methodik, die aus einer Zeit stammt, als der weitaus größte Anteil unseres Stromes aus Kohle stammte. Das ist jedoch lange nicht mehr der Fall. Es werden also auch andere Energieträger mit geringeren CO2-Emissionen verdrängt. Mit einem zunehmend geringeren Anteil an Kohle und dem bereits jetzt feststehenden „Aus“ der Kohle ist diese Methodik definitiv nicht mehr zeitgemäß. Insbesondere sollte den Verbrauchern nicht länger vorgespielt werden, dass Ihre auf fossilen Energieträgern basierende Wärmeversorgung CO2-neutral ist.

Ein Däne bekommt Ihren sarkastischen Einwurf mit und berichtet, dass es auch ganz anders aussehen kann. Hier wird der größte Teil über erneuerbare Energien bereitgestellt.

In Dänemark wird Fernwärme flächendeckend erfolgreich eingesetzt. Ca. 66 % der Haushalte werden mit Fernwärme versorgt, wobei der Anteil erneuerbarer Energien ca. 72 % beträgt.

Du fragst dich also, wo hier der Unterschied liegt. Du schaust dich um und siehst eine große Menge an Leitern. Diese haben alle unterschiedliche Größen. Nur wenige scheinen groß genug zu sein, dass mit diesen das Ende der Stadtmauer (gefordertes Temperaturniveau) erreicht werden kann. Der mit Abstand größere Anteil jedoch ist zu klein (niedriges Temperaturniveau).

Die großen Leitern sind beschriftet mit „Tiefengeothermie“, „Prozessabwärme (Hochtemperatur)“ und „Biomasse“. Die kleinen Leitern sind aus zwei Teilen zusammengefügt worden, wobei jedes Teil für sich nutzlos ist. Jede der kleinen Leitern hat einen Teil, der mit „Wärmepumpe“ beschriftet ist. Die Gegenstücke tragen verschiedenste Aufschriften: „oberflächennahe Geothermie“, „Oberflächengewässer (Fluss, See)“, „Luft“, „Grundwasser“, „Abwasser“, „Abwärme (Niedertemperatur)“, usw.

Auf Rückfrage, warum nicht mehr große Leitern erstellt worden sind, bekommst Du die Antwort: „Wir können leider nicht mehr der großen Leitern herstellen. Das geben die lokalen Potenziale einfach nicht her“. „Und was fangen wir mit den kleinen Leitern an? Sind die nicht nutzlos, wenn wir damit das Ende der Mauern erst gar nicht erreichen?“, fragst Du. Es herrscht betretenes Schweigen.

Aus diesem Grund entscheidest Du dich, mal bei der Gruppe mit den Einzellösungen nachzusehen, ob deren Lösungen massentauglicher scheinen. Aber auch hier: wenige große, viele kleine Leitern. Der einzige Unterschied ist, dass zwar deutlich mehr Leitern vorhanden sind, jede jedoch deutlich schmaler ist, also jeweils nur eine Person die Leiter nutzen kann. Außerdem gibt es bedeutend weniger unterschiedlich beschriftete Leitern. Leitern mit den Schriftzügen „Tiefengeothermie“, „Prozessabwärme (Hochtemperatur)“ und „Oberflächengewässer (Fluss, See)“ finden sich gar nicht. 

Bei Fernwärmenetzen können deutlich mehr verschiedene Wärmequellen genutzt und deutlich mehr Gebäude mit einer Wärmequelle versorgt werden als bei Einzellösungen. Grund hierfür ist, dass die Erschließung der Wärmequelle sowie deren Genehmigung sehr aufwendig sein können, insbesondere, wenn die Wärmequelle sich weit weg vom zum versorgenden Gebäude befindet. Die hohen Erschließungskosten können bei Fernwärmenetzen auf viele Schultern verteilt werden und der Genehmigungsaufwand fällt bei Berücksichtigung der Anzahl an versorgten Nutzer nicht so stark ins Gewicht. Beispiele mit sehr hohem Erschließungsaufwand und Genehmigungshürden sind zum Beispiel die Tiefengeothermie oder die Nutzung von Flüssen als Wärmequelle. Fernwärmenetze haben noch weitere Vorteile: Lokal können zwar hohe Potenziale für erneuerbare Energien vorhanden sein, aber keine Möglichkeit, sie zu nutzen, da nicht ausreichend Platz oder Abnehmer vorhanden sind. Hier können Freiflächensolarthermie, Erdwärmesonden- und Erdwärmekollektorfelder als Beispiele angeführt werden. Innerhalb dicht besiedelter Stadtteile wie Stuttgart-Heusteigviertel oder -Heslach stehen entsprechende Flächen nicht zur Verfügung, es gibt aber eine sehr hohe Nachfrage nach Wärme. Am Stadtrand, wo Freiflächen prinzipiell eher zur Verfügung stehen, ist die Wärmenachfrage hingegen deutlich geringer. Die Wärme kann hier über Leitungen entsprechend zu den Orten hoher Nachfrage geführt werden.

Es gibt noch weitere Vorteile, die eine zentrale Wärmeerzeugung mit sich bringt. Es werden insgesamt weniger Wärmeerzeuger benötigt. Jeder, der in diesen Tagen versucht, eine Wärmepumpe installieren zu lassen, weiß, dass der Markt ist leergekauft und mit sehr langen Lieferzeiten zu rechnen ist. Werden beispielsweise 200 Gebäude an ein Fernwärmenetz angeschlossen, werden nicht 200 Wärmepumpen, sondern vielleicht nur vier oder fünf benötigt. Des Weiteren ist die erforderliche Gesamtleistung bei einer zentralen Wärmeversorgung deutlich geringer als die Summe der Leistungen bei Einzelversorgungskonzepten. Grund hierfür ist, dass bei Fernwärmenetzen ein deutlich geringerer Gleichzeitigkeitsfaktor berücksichtigt werden kann. Der Gleichzeitigkeitsfaktor berücksichtigt, wie hoch die Wärmenachfrage der einzelnen Verbraucher zu jeder Zeit ist. Als Beispiel dient ein Mehrfamilienhaus mit zehn Haushalten. Jeder hat eine eigene Dusche. Wird jeder Haushalt einzeln versorgt, so muss die volle Leistung beim Wärmeerzeuger angesetzt werden. Durch unterschiedliche Arbeitszeiten und Gewohnheiten ist der Zeitpunkt des Duschens in jedem Haushalt aber sehr verschieden, sodass beispielsweise maximal die Leistung von fünf oder sechs Haushalten gleichzeitig nachgefragt wird. Je mehr Gebäude sich an das Netz anschließen und je unterschiedlicher die Gebäudenutzungsprofile sind, desto geringer der Gleichzeitigkeitsfaktor. Etwas entgegen wirkt bei Fernwärmenetzen jedoch die benötigte höhere Wärmeleistung zum Ausgleich von Wärmeverlusten der Verteilleitungen. Dieser Mehraufwand nimmt mit Abnahme der Netztemperatur ab.

Nach der Erkenntnis, dass auch die Gruppe „Einzellösungen“ keine massentaugliche Lösung bereit haben, setzt Du dich auf einen Stein und denkst. Wäre diese Mauer nicht so hoch (hohes Temperaturniveau), dann wäre das ganze doch viel einfacher.

Dir kommt eine Idee: Wenn die Mauern untergraben werden, sacken sie vielleicht so weit ab, dass auch die kleinen Leitern groß genug sind, um das Mauerende zu erreichen. Enthusiastisch berichtest Du beiden Gruppen von Deiner Idee. Beide Gruppen finden deine Idee gut, äußern jedoch Bedenken: „So einen Tunnel zu graben dauert lange. Und es müssen sehr viele Tunnel gegraben werden“, wird dir gesagt.

Bei der Wärmeversorgung, ob nun gemeinschaftliche Versorgung oder Einzellösung, ist zunächst einmal auch wieder das Grundprinzip des nachhaltigen Handelns anzuwenden: Vermeiden vor Reduzieren vor Kompensieren. Zunächst muss also der Wärmebedarf drastisch reduziert werden. Das geschieht insbesondere durch Dämmung der Gebäude. Mit sinkendem Wärmebedarf sinkt auch das notwendige Temperaturniveau. Die Wärmemenge, die über die Gebäudehülle abgegeben wird, wird zunehmend kleiner, ergo sinkt die notwendige Wärmeleistung zum Halten einer Raumtemperatur. Kleinere Wärmeleistungen ermöglichen niedrigere Vorlauftemperaturen im Heizungssystem. Leider ist der Großteil des deutschen Gebäudebestands noch nicht gedämmt. Die Sanierungsrate der Gebäude ist zudem auch viel niedriger (ca. 1%/Jahr) als sie sein müsste (2-3 %/Jahr), damit die Wärmewende bis zu dem Zieljahr 2045 (BRD) erreicht werden kann. Lokal gibt es ambitionierte Zieljahre. So zum Beispiel 2040 für Baden-Württemberg und 2035 für Stuttgart. Gründe für die geringe Sanierungsrate sind vielfältig. Hier möchte ich auf drei eingehen. Erstens: Das Dämmen von Gebäuden ist trotz Förderung des Bundes sehr kostenintensiv. Das führt teilweise zu sehr langen Amortisationszeiten. Der Mangel an Arbeitskräften und die stark steigenden Kosten für Baumaterialien tragen ebenso dazu bei. Ein Effekt, der durch die aktuelle Energiepreisexplosion konterkariert wird und eventuell zuvor nicht wirtschaftliche Projekte realisierbar macht.

Als zweiten Grund möchte ich hier einen nicht mit Zahlen belegbaren Grund angeben, der aus meiner Sicht aber nicht zu unterschätzen ist: Eine Dämmung ist nicht so prestigeträchtig wie die Installation einer Photovoltaikanlage, eines neuen Wärmeerzeugers oder das Fahren eines Elektroautos, da diese nicht sichtbar ist. Damit jeder sieht, dass das Unternehmen oder auch die Privatperson etwas für den Klimaschutz unternimmt, werden Gelder lieber in sichtbare Maßnahmen investiert. Dabei ist das Dämmen eine der wichtigsten Maßnahmen. Denn mit abnehmenden Wärmeverbrauch wird die Art der Gebäudebeheizung zunehmend unwichtiger.

Ein dritter Grund ist, dass - so auch in Stuttgart - ein sehr großer Anteil zur Mietshäusern wohnen, die nicht vom Eigentümer bewohnt werden. Die Nebenkosten fürs Heizen kann der Eigentümer vollständig auf die Mieter umlegen. Da er also nicht von einer Sanierung profitieren würde, saniert er auch nicht.

Trotz des durch die Gruppen nicht ganz geteilten Enthusiasmus wird sich an die Arbeit gemacht und die ersten Personen stehen mit Schaufeln bereit, um mit dem Graben der Tunnel zu beginnen.

Was aber unternehmen, bis die Mauern absacken (das Temperaturniveau sinkt)?

Du entscheidest dich, die Mauern nochmals genauer unter die Lupe zu nehmen. Es fällt auf, dass an einigen Stellen die Mauerkronen weggebrochen sind und das Ende der Mauer auch mit kleineren Leitern erreichbar ist (einzelne Gebäude sind saniert). Zusammen mit ein paar anderen Personen entscheidest Du dich, einen ersten Versuch zu wagen und an den Stellen, an denen die Mauerkronen weggebrochen sind, auf die Mauern zu kommen. Als Du dich zu den Leitern begibst, fallen dir aufsteckbare Leiterstücke auf, die auf die kleinen Leitern aufgesetzt werden können, um auch höhere Mauerstufen erreichen zu können. Auf den aufsteckbaren Leiterstücken steht Booster-Wärmepumpen oder Spitzenlasterzeuger. Neben Ihnen merkt jemand an, dass eine Menge Materialien verschlungen wurden und werden, um diese zu erstellen und in Stand zu halten.

In Neubaugebieten könnte direkt eine Fernwärmenetzstruktur aufgebaut werden, da die gesetzlich vorgeschriebenen energetischen Mindeststandards schon geringe Temperaturniveaus ermöglichen. Die CO2-Emissionen der Wärmeversorgung sind hier jedoch zumeist schon recht gering. Es ergibt aber Sinn, bei der Planung kompletter Neubauquartiere die Möglichkeit einer gemeinschaftlichen Versorgung miteinzubeziehen. Insbesondere, da ein Großteil der Kosten auf Tiefbauarbeiten zurückzuführen ist, die bei Neubauquartieren sowieso bei Verlegung von Trink- und Abwasserleitungen sowie Elektro- und Internetkabeln anfallen. Leider wird der Großteil der CO2-Emissionen aber in Bestandsgebäuden emittiert. Nur wenige Bestandsgebäude ermöglichen niedrigere Temperaturniveaus. Trotzdem ist es möglich, auch hier bereits aktiv zu werden. Es gibt einige Gebiete - oftmals solche, in denen Baugenossenschaften der Hauptteil der Gebäude gehört - in denen bereits viele Gebäude gedämmt sind und nur noch einzelne Gebäude im Altbauzustand sind. Hier kann bereits eine Netzstruktur aufgebaut werden. Die Anschlussrate an die Fernwärme ist dann zu Beginn etwas niedriger, wird aber mit der Zeit durch den fortschreitenden Sanierungsstand der Gebäude zunehmend größer. Eine andere Lösung ist sogenannte Booster-Wärmepumpen oder Spitzenlasterzeuger einzusetzen. Diese können entweder zentral installiert werden, um die Netztemperatur für einen festgelegten Zeitraum (z.B. fünf Jahre) anzuheben, oder direkt in den Gebäuden, die eine höhere Vorlauftemperatur benötigen. Booster-Wärmepumpen und Spitzenlastkessel weisen aufgrund des hohen zu erreichenden Temperaturniveaus und der kurzen Laufzeiten nur eine geringe Effizienz auf, sind also sehr „brennstoffintensiv“. Dementsprechend können Booster-Wärmepumpen und Spitzenlastkessel nur als Brückentechnologie fungieren.

In bestehenden Fernwärmenetzen ist manchmal eine Rücklauftemperaturanhebung durch die Integration erneuerbarer Quelle möglich. Als Beispiel dient die Integration einer Flusswärmepumpe ins Mannheimer Fernwärmenetz. Im April 2022 erfolgte der Spatenstich der MVV Energie AG zur Installation der Flusswärmepumpe (Nutzung des Rheins). Die Wärme des Rheinwassers wird über einen Wärmeübertrager auf ein Kältemittel übertragen und dann über Wärmepumpen auf ein Temperaturniveau von 83 bis 99 °C angehoben. Über einen weiteren Wärmeübertrager wird die Wärme dann ins Fernwärmenetz eingespeist.

Ausgestattet mit den Leitern stürmst Du zusammen mit deinen Mitstreitern auf die Mauern zu. Zwischen den Mauerzinnen siehst Du, dass die Mauern besetzt wurden. Die Besatzer spannen ihre Bögen und schießen. Einige deiner Kameraden werden vom Pfeilhagel erwischt und bleiben noch vor Erreichen der Mauer tot auf dem Boden liegen. Nichtsdestotrotz rennst Du weiter, erreichst die Mauer und stellst die Leiter an. Während Du hochkletterst, erscheint eine Fratze über der Mauerkrone. Du erkennst auf dem Helm den Schriftzug: „Genehmigungshürden“. Mit einem fiesen Grinsen stößt der Besatzer Deine Leiter mitsamt Dir nach hinten. Du schlägst hart auf dem Boden auf. Du rappelst dich auf und siehst, dass auch andere deiner Mitstreiter keinen Erfolg hatten. Du schnappst dir deine Leiter und rennst weg von der Mauer. Außer Reichweite der Bögen drehst Du dich um. Auch beim Rückzug hat es einige deiner Kameraden getroffen, andere mussten ihre Leitern zurücklassen oder haben kaputte Leitern in der Hand. Du denkst dir, dass einige Ideen zur Installation eines Netzes nun wohl zusammen mit den Toten gestorben sind. Ob die Überlebenden den Enthusiasmus aufbringen können, einen neuen Versuch zu wagen, ist unklar. Erschöpft setzt Du dich und fragst, ob deine Mitstreiter auch von den „Genehmigungshürden“ abgewehrt wurden. Einige nicken, andere sprachen von Besatzern wie „Bürokratie“, „Gesetzeslage“, „Wirtschaftlichkeit“, „Kosten“, „Kapazitätsmangel“ oder „Gas-Lobby“.

Die Installation von Fernwärmenetzen kann an vielen Hürden scheitern. Die aktiven Strukturen ersticken die Ideen oftmals schon im Keim. Ein großes Umsetzungshemmnis sind unter anderem auch die vorhandenen Bebauungs- und Regionalpläne. In diesen ist die Nutzung einer Fläche zum Beispiel für Solarthermiefelder oder Energiezentralen nicht vorgesehen. Eine Erstellung oder Änderung der Pläne ist sehr zeitintensiv - mitunter dauert sie mehrere Jahre - oder wird aufgrund fehlender Kapazitäten in zuständigen Behörden oder vorgeschriebener Mindestanteile bestimmter Flächen (z.B. Grün- und Ackerflächen) direkt abgelehnt. Selbst die Genehmigung von Agri-Photovoltaik-Anlagen, bei denen die Photovoltaik-Module so auf Ackerflächen installiert werden, dass eine landwirtschaftliche Nutzung nach Installation wieder möglich ist, ist schwierig.

Nachdem Du dich etwas erholt hast, fragst Du: „Wer führt eigentlich die Besatzer an?“ „Unsere Politik“ wird Dir geantwortet. „Unsere von uns gewählte Politik könnte also den Besatzern befehlen zurückzutreten?“, entgegnest Du ungläubig. „Die Politik ist nicht allmächtig (und sollte sie auch nicht sein), könnte aber vermutlich die Anzahl der Besatzer und ihre Gegenwehr deutlich verkleinern.“ „Und wie können wir dafür sorgen, dass die Politik mehr in unserem Sinne handelt?“ „Naja, umso mehr Personen die Stadtmauern belagern, desto wahrscheinlicher wird es, dass dem Willen des Volkes gefolgt wird. Im Besten Fall reicht die Politik uns von den Mauern aus die Hand, um uns hoch zu helfen. Außerdem wird mit höherer Anzahl Belagernder, auch ohne die Politik, der Erfolg, die Stadtmauern zu überwinden größer.“

Um die Wärmewende zum Erfolg zu führen, müssen Politik und Bevölkerung Hand in Hand arbeiten. Widersetzt sich einer von beiden in zu großem Maße, wird das rechtzeitige Erreichen der Zieljahre nicht möglich sein.

Auch die Gruppe der Einzellösungen hat einen herben Rückschlag erlitten. Du organisierst eine gemeinsame Versammlung beider Gruppen. Leider erscheint nur ein Bruchteil der Vertreter beider Gruppen. Ziel der Versammlung ist es, eine gemeinsame Strategie zum Überwinden der Mauern aufzustellen. Die Vorteile jeder Gruppe sollen möglichst gut ausgespielt werden. Mitglieder der Gruppen Einzellösung und gemeinschaftliche Lösung sollen genau an den Stellen der Mauern ansetzen, an denen die höchsten Erfolgswahrscheinlichkeiten liegen, die Mauer zu bezwingen.

Wo sich Fernwärmenetze bei heutigen und zukünftigen Voraussetzungen anbieten und wo Einzelmaßnahmen sinnvoller sind, bedarf einer übergeordneten strategischen Planung. Auch hier nimmt Dänemark eine Führungsrolle ein. Denn dieses Land verpflichtete seine Kommunen schon nach den Ölkrisen dazu, Wärmepläne aufzustellen, um die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern - in dieser Zeit insbesondere von Öl - stetig zu senken. Aber auch in anderen Nachbarländern wie Österreich, den Niederlanden und der Schweiz ist das Instrument der kommunalen Wärmeplanung lange etabliert. Ein Prozess, der erst jetzt in Deutschland startet. Für Kommunen ab 20.000 Einwohnern ist in Baden-Württemberg ein kommunaler Wärmeplan bis Ende 2023 aufzustellen. In Hamburg muss jeder Bezirk eine kommunale Wärmeplanung durchführen. In Schleswig-Holstein, Niedersachen und Hessen gibt es Förderprogramme zur Umsetzung einer Wärmeplanung. Ende Juli 2022 wurde im Diskussionspapier des (Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) eine bundesweite Verpflichtung zur kommunalen Wärmeplanung vorgestellt. Ob diese wirklich umgesetzt wird, bleibt zu hoffen.

Eigenes Fazit

Die Installation von Fernwärmenetzen wird nicht die alleinige Lösung sein, um die Wärmewende zu schaffen. In vielen Fällen sind Einzellösungen die deutlich bessere Alternative. Die Basis und der wichtigste Pfeiler ist die jedoch die zügige Sanierung des Gebäudebestands. Der Anteil an Fernwärme muss jedoch stark zulegen. Insbesondere in dicht besiedelten Gebieten, in denen die lokalen erneuerbaren Potenziale oder Platzverhältnisse nicht ausreichen, um die Gebäude zu versorgen. Einer der größten Motoren zur Umsetzung von Fernwärmenetzen ist der politische Wille, der jedoch zumeist nur sehr spärlich ausgeprägt ist.

Quellen:

1 United Nations Department of Economic and Social Affairs
World Urbanization Prospects 2018 - Highlights

2 Klimafakten.de
Klimawandel: Was er für Städte bedeutet

3 Umweltbundesamt
Energieverbrauch für fossile und erneuerbare Wärme (Stand 03.2022)

4 AG Energiebilanzen e.V. (AGEB)
Anwendungsbilanzen zur Energiebilanz in Deutschland

5 AG Energiebilanzen e.V. (AGEB)
Auswertungstabellen zur Energiebilanz Deutschland

6 Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) und Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien (AGEE)Zeitreihen zur Entwicklung der erneuerbaren Energien in Deutschland

7 Umweltbundesamt (UBA)
Kurzgutachten Kommunale Wärmeplanung 02/2022

8 Agentur für Erneuerbare Energien e.V.
Die dänische Wärmewende (Stand 01.08.2021, abgerufen 30.10.2022)

9 Danish Energy Agency
Danish Experiences on District Heating, (abgerufen 30.10.2022)

10 State of the Green
District Energy – Energy efficiency for urban areas

11 Dansk Fjernvarme
Fakta om fjernvarme (Stand März 2022, abgerufen 30.10.2022)

12 AGFW | Der Energieeffizienzverband für Wärme, Kälte und KWK e. V.
Wie wird Fernwärme erzeugt (abgerufen, 31.01.2022)

13 Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)
Datenbasis zum Gebäudebestand

14 DIN V 18599-1:2018
Energetische Bewertung von Gebäuden - Berechnung des Nutz-, End- und Primärenergiebedarfs für Heizung, Kühlung, Lüftung, Trinkwarmwasser und Beleuchtung - Teil 1: Allgemeine Bilanzierungsverfahren, Begriffe, Zonierung und Bewertung der Energieträger

15 nPro Energy GmbH
Gleichzeitigkeitsfaktor in Wärmenetzen (abgerufen am 01.11.2022)

16 MVV-Energie AG
Rhein mit der Wärme (abgerufen am 01.11.2022)

17 Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) und Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien (AGEE)
Diskussionspapier des BMWK: Konzept für die Umsetzung einer flächendeckenden kommunalen Wärmeplanung als zentrales Koordinierungsinstrument für lokale, effiziente Wärmenutzung, Stand 28.07.2022

 

 

 

 

 

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