BUND Kreisverband Stuttgart

Wer steckt hinter unserer Lebensmittelproduktion?

16. August 2021 | Globale Gerechtigkeit

Unsere Nahrungsmittel sind heutzutage zu einer Art Finanzprodukt geworden. Weltweit wird die Produktion von Lebensmitteln von einigen großen Konzernen bestimmt, die sich die Felder und Märkte untereinander aufteilen und damit umsatzstarke Geschäfte machen. Im Agribusiness profitieren nur einige wenige Händler und große Produzenten. Auf einem internationalen Markt, wo die Waren einmal um die halbe Welt reisen, um auf unserem Esstisch zu landen, verliert man schnell den Überblick. Zudem sind die großen Agrarkonzerne Akteure, die sich im Hintergrund halten und von dort aus alle Fäden ziehen. Das schöne Bild von bäuerlicher und nachhaltiger Landwirtschaft, traditionellem Handwerk und dem Schutz der Natur, welches uns als Konsument*innen oft vermittelt wird, gibt es in den seltensten Fällen.

Der Agrarhandel - Fünf Agrarkonzerne beherrschen den Weltmarkt

 

International gesehen regieren fünf Konzerne den Agrarhandel, vier westliche Firmen und seit 2000 ist auch ein chinesisches Unternehmen dabei. Die vier westlichen Konzerne werden mit „ABCD“ abgekürzt: Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und die Louis Dreyfus Company. Sie haben sich zwischen 1818 und 1902 gebildet und dominieren bis heute den Im- und Export landwirtschaftlicher Agrarrohstoffe. Die Konzerne besitzen Hochseeschiffe, Häfen, Eisenbahnen, Raffinerien, Silos, Ölmühlen und Fabriken. Ihr Weltmarktanteil liegt bei 70 Prozent. Cargill ist die Nummer eins, gefolgt von Archer Daniels Midland (ADM), Dreyfus und Bunge. Diese Unternehmen kontrollieren teilweise Millionen von Hektaren überall auf der Welt, vor allem auch in Schwellenländern. Dort haben sie Kooperationen mit kleineren Unternehmen oder kaufen neue Unternehmen/Hersteller auf. Größtenteils handeln, transportieren und verarbeiten sie die Lebensmittel/Rohstoffe. Der Markt für verarbeitete Lebensmittel ist ständig am Wachsen und daher sehr vielversprechend für die Agrarhandelskonzerne. Cargill wird nachgesagt, es sei nicht nur Teil der Lieferkette, vom Acker bis zur Ladentheke, sondern es sei die Kette selbst. Ebenso kritisiert die Heinrich Böll Stiftung die Vormachtstellung der vier westlichen Firmen: „Die große Marktmacht ermöglicht den ABCD-Konzernen, die Weltagrarmärkte zu beeinflussen und bei der Aushandlung von Preisen ihre enorme Verhandlungsmacht gegenüber Erzeugern auszuspielen. Sie nutzen ihre Marktkenntnisse, um über ihre Finanzaktivitäten hohe Renditen zu erzielen.“ Zudem werden die ABCD-Konzerne immer wieder mit Landraub, illegaler Regenwaldabholzung und Menschenrechtsverletzung in Verbindung gebracht.


Die wichtigsten Waren des Welthandels  sind Soja, Weizen und Mais, danach kommen Zucker, Palmöl und Reis.   Diese Rohstoffe werden nicht nur für die Nahrungsmittelproduktion genutzt, sondern auch für die Herstellung von Tierfutter, Treibstoff und als Rohstoff für andere Industrien. Man spricht hier auch von einer Agrarweltkarte. So haben sich die ABCDs  die Länder nach Anbau und Rohstoffen aufgeteilt: Ukraine, Kasachstan, Russland und USA sind Maislieferanten. Palmöl kommt aus dem südöstlichen Asien, aus Malaysia und Indonesien, Zuckerrohr stammt größtenteils aus Brasilien und Soja aus Südamerika, insbesondere aus Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay und Bolivien. Mit Hilfe der wachsenden  Agrarindustrie verbessern zwar  auch viele Schwellenländer ihre wirtschaftliche Ausgangslage, jedoch geschieht dies auf Kosten der Bürger*innen und der Natur.  
Zudem muss die Gerechtigkeit der Lebensmittelverteilung, der Lieferketten und der Menschen- und Umweltrechte stets im Angesicht der Kolonialgeschichte und ihrer Folgen betrachtet werden. Die gesamten Strukturen der Lebensmittel- und Rohstoffindustrie wurden durch die Kolonialherrschaft ermöglicht, durch die Ausbeutung von Ressourcen, Landraub und der Sklavenhaltung zur Sicherung von billigen Arbeitskräften. Diese Strukturen bestehen weitestgehend bis heute, die Ausbeutung von Arbeitskräften und Rohstoffen, die westlichen Wirtschaftssysteme, die den Handel an den Märkten bestimmen und der Raubbau an der Natur. Noch heute sind einige wenige Unternehmen, die sich damals gegründet haben, im Besitz der gleichen Gründerfamilien und verfügen über wirtschaftliche Privilegien, da ihre Verträge aus Kolonialzeiten bis heute Gültigkeit haben und so die Vormachtstellung institutionalisieren. Dies führt unter anderem dazu, dass die globale Ungleichheit weiter zunimmt, anstatt sich zu verringern.

Gefahr der Lebensmittelspekulationen

Der Preis für die zukünftige Ernte wird sozusagen schon im Voraus bestimmt, dies nennt man Features. Sie dienen den Landwirten als Absicherung. Dieser Ablauf geschieht auf der Terminmarktbörse und der Preis wird meist je nach Angebot und Nachfrage vorher festgelegt. Nun kommen die Zwischenhändler ins Spiel, wie beispielsweise die fünf großen Agrarkonzerne  und bieten den Bauern und gleichzeitig auch den Abnehmern an, die potentiellen Verluste zu übernehmen, sollte  der Marktpreis letztendlich niedriger sein als zuvor festgelegt. Sollte der Preis jedoch steigen, bekommen die Spekulanten am Terminbörsenmarkt den Gewinn. Zusätzlich bekommt der Zwischenhändler von beiden Akteuren eine Gebühr. In den USA sowie in Europa spielt dieser Terminbörsenmarkt für sehr viele Spekulanten, Banken und Fonds eine große Rolle (siehe Grafik unten zur Deutschen Bank Agrarfonds). So war es 2007 möglich, dass es beim Weizen das 30-fache an Features gab als an realem Weizen. Der Warenmarkt hat also zunehmend nichts mehr mit den Bedingungen in der Wirklichkeit  zu tun. Durch die resultierenden starken Preisschwankungen und Marktbeeinflussungen einzelner Akteure verdienen vor allem die Spekulanten. Nahrungsmittel werden immer mehr zu Geldanlagen anstatt Nutzwert, das heißt, die Preise werden von der Wechselhaftigkeit des Finanzmarkts bestimmt und nicht von den Bedürfnissen der Menschen.

 

Die Macht großer Lebensmittelkonzerne

Die meisten von euch werden die großen Marken wie Nestle, Coca-Cola, Unilever, Kraft Heinz, Danone, Mars, Mondelez etc. kennen. Doch was viele nicht wissen ist, dass diese Global Player unglaublich viele Tochterunternehmen gekauft haben, die ihren eigenen Markennamen behalten haben, dennoch aber zu den Großkonzernen gehören. So können sie ihre Marktmacht auf dem Lebensmittel-Markt sichern und erweitern, durch Massenproduktion billige Preise garantieren und hohe Gewinne umsetzen. Die stetig wachsenden Supermarktketten wie REWE, Aldi, Lidl und EDKA, entwickeln sich jedoch zu ernstzunehmenden Konkurrenten für die Lebensmittelkonzerne und üben sogar auf diese Riesen enormen Druck aus.


Der westliche Lebensmittemarkt ist mittlerweile gesättigt, deshalb operieren  die großen Konzerne zunehmend  im Globalen Süden, aber auch Russland und China spielen eine immer größere  Rolle. In Westafrika sind europäische Molkereien besonders präsent, sie versuchen mit neuen Marktstrategien und billigen Preisen die Bevölkerung von ihrem Produkt zu überzeugen. Was dazu führt, dass die lokale Landwirtschaft unter Druck gerät und eine weitere nicht zu unterschätzende Gefahr sind das vermehrte Auftreten von  Zivilisationskrankheiten, die durch den vermehrten Konsum von hochverarbeiteten Produkten zu erwarten sind.

In immer mehr Haushalten ersetzen verarbeitete Lebensmittel die natürliche Grundnahrung, wie frisches Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst und natürlich Wasser. Die Folgen kann man in unserer Gesellschaft schon heute sehen: Krankheiten, wie Fettleibigkeit, Immunsystemschwächen, Krebs, Herzleiden, Bluthochdruck, die Zuckerkrankheit Diabetes, Depressionen, usw., welche in Verbindung der industriebasierten Ernährungsweise stehen, mit der sogenannten „Western Diet“. Jedoch auch hierfür  hat die Industrie Lösungen: Lebensmittel, welche natürliche Aromen besitzen, vegan sind oder mit Mineralien/Vitamine ergänzt wurden. Vor einigen Jahren stieg  die Nachfrage nach gesunden, natürlichen Lebensmittel, worauf die großen  Konzerne, wie Nestle, ADM, Danone, oder Coca-Cola, schnell reagierten, denn die Nachfrage bestimmt den Preis. Sie kauften Unternehmen auf, die natürliche Inhaltstoffe und Aromen produzieren, vermarkten diese Produkte schön verpackt und werben mit Vitamin-C, Calcium, Proteinen usw. Dadurch suggerieren sie, dass die Produkte nachhaltig, natürlich und gesund sind. Dem ist leider nicht so, denn die Produkte sind  aufwendig chemisch verarbeitet und enthalten wenig bis keine brauchbaren Nährstoffe. Zusätzlich benötigt die Herstellung viel Energie und die meisten Produkte werden in Plastik verpackt und verschmutzen somit unseren ganzen Planeten. Die Verantwortung für den Müll geben die Konzerne gerne an die Verbraucher*innen ab.
Des Weiteren sind die billigen Preise der Fertigprodukte nur durch Ausbeutung, Monokulturen, Einsatz von Chemikalien, chemischen Zusatzstoffen wie Aromen und korrupter Politik, die diese Praktiken unterstützen, möglich. Der Einfluss der großen Unternehmen auf die Politik ist enorm. Auch hier in Deutschland hört die Politik viel mehr auf Agrar- und Lebensmittellobbyisten statt auf NGOs oder Wissenschaftler*innen. Das jüngste Beispiel dafür ist das sehr verwässerte Lieferkettengesetz. Mehr Informationen dazu findest du hier. Kurz gesagt, unser Lebensmittelmarkt unterliegt der Macht einiger weniger Großkonzerne, die durch Politik, Marketing und billige Preise die Konsument*innen beeinflussen.
 

Was können wir  tun?

  • Informiere dich - Wissen ist Macht! Somit verhinderst Du, dass Dich die Tricks der Konzerne in die Irre führen. Traue nicht der Verpackung! Lies  die Inhaltstoffe durch. Überprüfe, ob Du die Inhaltstoffe kennst und wenn ja, wie gesund und gut Du sie einschätzt. Sobald Du die Inhalte allein vom Namen nicht  kennst, kaufe auch das Produkt nicht mehr.
  • Boykottiere Lebensmittel, die von Großkonzernen kommen soweit es eben geht. Damit tust Du nicht nur der Welt etwas Gutes sondern auch Dir!
  • Kaufe am besten frische Lebensmittel ein und wenn es geht in Hofläden, auf Märkten, in Unverpacktläden oder  Bioläden. Hier stammen die Produkte meist von kleineren Erzeugern, die Lieferkette ist meist fairere und übersichtlicher und die Produkte sind  gesünder. Es gibt bereits  viele Unternehmen, die den ausbeuterischen und destruktiven Praktiken der Großkonzerne entgegen wirken - diese gilt es zu unterstützen.
  • Finde nachhaltige und faire Alternativen zu den großen Marken. Kaufe beispielsweise keinen Nescafé , sondern lieber einen Bio-Fair-Trade Kaffee.
  • Spreche mit anderen Menschen darüber und lass Dich von anderen inspirieren, die bereits einen bewussten Konsum-Lifestyle leben.
  • Werde politisch aktiv! Geh wählen und unterstütze Forderungen für ein Lobbyregister sowie verschärfte Regeln im Lebensmittelhandel.
     

 

Hier kannst du Dich weiter informieren:

https://www.foodwatch.org/de/startseite/?cookieLevel=not-set

Die Tricks der Lebensmittelindustrie (ARTE Doku)

DIESE 10 Konzerne produzieren ALLES was Du kaufst

Konzernatlas Heinrich Boll Stiftung

 

Hier findest Du interessante Grafiken, welche die aufgeführten Themen darstellen. 


 

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