BUND Kreisverband Stuttgart

Zero-Waste kann JEDE*R! - Ein Interview

08. Mai 2020

Im Interview: Hintergründe und Wissenswertes rund um den Unverpackt-Laden "Schüttgut" in Stuttgart

Herr Wedlich, Besitzer des Schüttgut Stuttgart  (Jens-Peter Wedlich / Jens-Peter Wedlich)

Das Corona-Virus bewegt momentan die ganze Welt. 

Neben Sorgen um die eigene Gesundheit und Zukunft, entsteht bei vielen Menschen auch mehr Fürsorge und Interesse für die Mitmenschen: 

Wie geht es den anderen gerade? Was bewegt die Menschen um mich herum? 

In diesem Rahmen habe ich mich bei meinem wöchentlichen Einkauf im "Schüttgut" mit Jens-Peter Wedlich unterhalten.
Wedlich ist Inhaber des ersten Unverpackt-Ladens in Stuttgart, dem "Schüttgut", den er seit 2016 betreibt.

In meinem Gespräch mit ihm habe ich u.a. erfahren:

  • was war seine Motivation für die Eröffnung eines Unverpackt-Ladens?
  • wieviel Müll fällt in einem Unverpackt-Laden an?
  • wie geht er mit der aktuellen Corona-Situation um?
  • welche Visionen hat er für die Zukunft?

BUND: Herr Wedlich, was waren Ihre Beweggründe, einen Unverpackt-Laden zu eröffnen?

JPW: Ich habe vor der Eröffnung des Ladens sozusagen auf der „dunklen Seite der Macht“  gearbeitet. Zunächst war ich Zeitsoldat, anschließend habe ich in der Chemieindustrie, im Mineralölgroßhandel und schlussendlich im Schweröl-Vertrieb gearbeitet.
Trotz meiner Naturverbundenheit, die sich v.a. in meiner großen Liebe zum Meer äußert, habe ich in diesen Jobs professionell funktioniert.
Nach der Midlife-Crisis fühlte ich aber den Drang, etwas zu verändern. Der erste Schritt in das „neue Leben“ kam durch den Beitritt zu Greenpeace Stuttgart. Hier habe ich mich vorranging für den Bereich "Meere" engagiert und wurde schnell Referent und Ansprechpartner für dieses Gebiet.
Ab einem gewissen Punkt war das Spannungsfeld zwischen dem Engagement bei Greenpeace und dem Vertrieb von Schweröl nicht mehr tragbar.
Nach einer Phase der Selbstfindung bin ich 2014 auf die Original-Unverpackt Bewegung in Berlin aufmerksam geworden. Schnell ist mir klar geworden, dass es der eigene Unverpackt-Laden werden soll. Ende Mai 2016 konnte ich meinen Traum im Stuttgarter Westen in die Wirklichkeit umsetzen.

BUND: Woher beziehen Sie eigentlich Ihre Waren - was sind das für Betriebe?

JPW: Die meisten unserer Lieferanten sind Bio-zertifiziert. Zu Beginn verkauften wir ca. 300 Produkte, die wir von 30 Lieferanten bezogen. Mittlerweile sind über 850 Produkte im Sortiment und 1500 gelistet (Saisonschwankungen) - dahinter stehen inzwischen über 100 Lieferanten.
Wir von Schüttgut unterstützen dabei auch oft Landwirte, die in der Umstellungsphase zu Bio sind. Viele Bauern beginnen aktuell, auf neue Produkte wie Kidneybohnen und Belugalinsen umzusteigen. Das ist für uns natürlich toll, denn so entwickeln sich immer mehr regionale Bezugsmöglichkeiten.

BUND: Wie kommen die Waren bei Euch im Laden an?

JPW: Selbstverständlich ist alles verpackt, wenn es bei uns ankommt. Obst und Gemüse sind das Einfachste, die werden meistens in Pfandkisten geliefert. Kaffee kommt in wiederverwendbaren Wechseleimern an und viele Produkte werden in Säcken oder Kartonagen angeliefert. Aber es gibt auch noch einige Produkte, die dennoch in Plastik ankommen. 

Für alle Produkte im Glas, die handelsüblich pfandfrei verkauft werden, gibt es Sondervereinbarungen mit den Herstellern. Hier werden die Gläser pfandfrei verkauft und können bei uns im Laden wieder abgegeben werden, sodass die Hersteller die Gläser gereinigt wiederverwenden können.

BUND: Warum gibt es nicht generell im Einzelhandel Pfand auf alles, was im Glas verpackt ist?

JPW: Pfand auf Gläser ist freiwillig. Im Grunde ist es ein logistisches Problem, da Pfandgläser viel Lagerkapazität in Anspruch nehmen. Glas in großen Mengen gekauft ist einfach sehr günstig, der Preis rechnet sich also nicht für den Aufwand. Dadurch wird es zu einem Wegwerfartikel.

Wenn man Glas recycelt, ist es ein guter Rohstoff, wenn nicht, braucht er viel länger als Plastik, um in der Umwelt abgebaut zu werden. Mehrweg-Glas ist also eine super Lösung. Ein Joghurtglas oder eine Milchflasche kann zum Beispiel 60- bis 80-mal wiederverwendet werden.

BUND: Wie viel Müll fällt bei Ihnen im Unverpackt-Laden an?

JPW: Wie gesagt, bekommen wir unsere Ware nicht unverpackt. In drei Wochen füllen wir im Laden zehn bis zwölf gelbe Säcke. Auf der anderen Seite verkaufen wir in dieser Zeit um die drei Tonnen Ware. 

Zusätzlich füllen wir im gleichen Zeitraum ca. zwei Container mit Kartonagen. Das ist nicht wenig, aber die Recyclingquote ist hier mit 80% sehr hoch. Bei Plastik liegt die Quote weit darunter. 

Hinzu kommt, dass unsere Kunden ja ohne Abfall aus dem Laden kommen. Früher haben wir als vierköpfige Familie in drei Wochen drei Gelbe Säcke gebraucht, jetzt schaffen wir es mit einem gelben Sack. 

Eine Studentin hat in einer nicht repräsentativen Studie verglichen, wieviel Verpackung während dem Transport, bis zur Kundenverpackung zwischen vier Bioläden und vier Unverpackt-Läden anfällt.
Die Einsparung der Unverpackt-Läden gegenüber den Bioläden lag bei 84 %. Das hat mich selbst überrascht und zeigt, wie wichtig unsere Initiative ist.

Wir Unverpackt-Läden haben es auch gemeinsam geschafft, dass wir Hersteller auf eigene Ideen bringen.
Ein Waschmittelhersteller hat zum Beispiel früher seine großen Kanister, aus dem unsere Kunden ihr Waschmittel abfüllen können, nicht zurückgenommen.
Mittlerweile werden sie zurückgenommen und - sofern intakt - wieder befüllt. Dazu wurde extra eine Reinigungsmethode entwickelt, die möglichst wenig Schaum verursacht und wenig Chemie und Wasser benötigt. Ist der Kanister beschädigt, wird er geschreddert, sodass ein sortenreiner Kunststoff anfällt. Der geschredderte Kunststoff wird dann zur Produktion der kleinen Plastikflaschen wiederverwendet. Das ist gerade ein Pilotprojekt, was aber übernommen wird.
Dieses Projekt läuft jetzt seit 1,5 Jahren und zeigt, dass das Prinzip der Unverpackt-Läden wirkt und auch die Hersteller zum Umdenken motiviert werden. 

So entwickelt sich das immer weiter. Wir arbeiten gerade an ganz vielen Produkten, die in Pfandgläsern laufen sollen.
So haben wir jetzt eine Hafermilch in der Pfandflasche, die kommt wirklich sehr gut beim Kunden an und wir vermeiden Tetra Paks, welche nach einmaligem Gebrauch nur noch als Brennstoff dienen.

BUND: Corona stellt auch Sie vor neue Herausforderungen. Welche Maßnahmen haben Sie getroffen, um Kunden und sich selbst vor Corona zu schützen?

JPW: An der Kasse gibt es für die Angestellten einen „Tröpfchenschutz“ und der Einlass ist auf drei Personen beschränkt. Leider ist unser Laden sehr eng, hier ist dann auch die Verantwortung der Kund*innen gefragt, den Abstand zueinander einzuhalten. Bisher haben wir aber gute Erfahrungen gemacht, unsere Kund*innen verhalten sich sehr rücksichtsvoll. Am Eingang steht ein Desinfektionsmittel bereit, damit jeder sich vor seinem Einkauf die Hände desinfiziert, um die Spender mit sauberen Händen anzufassen.
Die Griffe der Spender desinfizieren wir mehrmals täglich. 

Im Grunde ist der Hygienestandard bei uns - auch abgesehen von Corona - generell höher als in anderen Lebensmittel-Läden, obwohl die Richtlinien die gleichen sind. In den meisten Supermärkten kommen die Waren einzeln verpackt in die Regale. Bei uns im Lager gibt es große Säcke oder Eimer, die wir dann in die jeweiligen Spender abfüllen.
Daher haben wir im Laden und Lager standardmäßig ein erhöhtes Schädlingsmonitoring sowie erhöhte Hygienestandards.

Hinzu kommt, ein Unverpackt-Laden wirkt natürlich auch nur, wenn er sauber ist. Wir müssen während der Arbeit regelmäßig den anfallenden Staub der Lebensmittel, wie bei Haferflocken wegwischen. Die Schütten werden jeden Tag ausgesaugt oder ausgeklopft. Bei Chargenwechsel werden diese innen von Hand gereinigt das dauert zehn Minuten und muss dann die ganze Nacht trocknen. Der Aufwand für die Reinigung ist also sehr hoch und auch nach Feierabend benötigen wir zu zweit 1,5 Stunden zum Putzen.

BUND: Ist es aus Ihrer Sicht möglich, in 10 bis 20 Jahren nur noch nachhaltige Verpackungen zu haben? Welche Rolle spielen dabei die Global Player und die Konsumenten?

JPW: Man muss klar sagen, der Konsument hat die Macht. Für uns ist die Reduktion der Verpackung nur ein Aspekt.
Der Begriff der Wertschätzung ist für uns das Ausschlaggebende und dazu gehören nicht nur Abfallvermeidung, sondern auch faire Löhne, fairer Umgang mit der Natur und eine faire Behandlung des Kunden, also keine Mogelpackungen.
Ich sehe, dass viele, sowohl Bio-, als auch nicht-Bio-Läden, versuchen auf diesen Zug aufzuspringen. 

Das Problem ist, die meisten machen es schlecht. Der Personalaufwand ist extrem hoch und das kann von den meisten nicht gedeckt werden. Ich sehe das Unverpacktkonzept also nicht als massentauglich an.
Die Zukunft liegt glaube ich eher in anderen Verpackungswerkstoffen. Die breite Masse an Menschen ist einfach zu bequem, sie will durch den Laden laufen und zugreifen.
Wir wollen mit unserem Konzept etwas anderes erreichen. Die Kunden sollen eine Wertschätzung erfahren, indem man den Einkauf plant und bewusst erlebt. Sie sollen sehen und hören, wie das Lebensmittel in die Packung fällt und den Geruch wahrnehmen. Denn dann gehen die Menschen mit dem Produkt auch anders um.
Schön ist es zu sehen, dass sich das Bewusstsein vieler Menschen in diese Richtung verändert und wir freuen uns über jeden, der in den Laden kommt. 

Viele behaupten unverpackt sei zu teuer. Das kommt natürlich darauf an mit welchem Angebot man es vergleicht. Möchte ich mich mit einem Discounter vergleichen? Die Deutschen geben 10% ihres Grundeinkommens für Lebensmittel aus, die Franzosen 40%. Discounter springen gerade gerne auf den Bio-Zug mit auf. Viele sehen im Discounter günstige Bio-Produkte, aber zu welchen Bedingungen?
Ein weiterer Vorteil der Unverpackt-Läden ist, dass die Menschen bei uns genau die Mengen kaufen können, die sie auch wirklich brauchen. Ich persönlich denke, jeder kann es sich leisten, es ist nur eine Frage der Prioritätensetzung.

BUND: Haben Sie eine Wunschvorstellung für die Entwicklung in den nächsten Jahren?

JPW: Ich halte viele Vorträge für Greenpeace und Schüttgut  - ein Motto, dass ich da habe ist auch mein größter Wunsch: Die Menschen sollen anfangen zu denken und  ihr eigenes Handeln zu überdenken

In dem Sinne, dass die Leute, wenn sie ein Produkt möchten, sich erst einmal die Frage stellen: Brauche ich das Produkt wirklich? Was für eine Geschichte hat das Produkt? Wo kommt es her? Wie wurde es produziert? Ist die Herstellung umwelt-, menschen- und tierverträglich? Was passiert, wenn ich es nicht mehr brauche? Kann man es reparieren, verkaufen, verschenken? Wie verhält es sich, wenn es in die Umwelt gelangt? Wenn man sich über all das Gedanken machen würde, würden viele Käufe nicht mehr getätigt werden. Wir müssen uns bewusst werden, dass wir als Konsument die Macht haben.

BUND: Herr Wedlich, ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen für Ihre Zeit und Ihr Engagement bedanken. Alles Gute und bleiben Sie gesund!

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