Kreisverband Stuttgart
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Die Holzwirtschaft

Polter Fichten gesund

Wir haben einige Nachfragen nach Holzeinschlägen durch besorgte Bürger*innen bekommen. Warum wird denn Holz abgeholzt, wenn wir doch eigentlich den Wald so sehr brauchen?

Natürlich ernten wir Holz und entnehmen dem Wald somit Bäume. Grundsätzlich muss man sagen, dass wir hierbei aber nach dem Nachhaltigkeitsgrundsatz arbeiten und dem Wald nur das entnehmen, was in den letzten Jahren zugewachsen ist. Der Wald wird also nicht gerodet. Es werden auch keine Kahlschläge vorgenommen. Wir setzen in der Bewirtschaftung der Bestände größtenteils auf Einzelstammentnahmen.

Wir waren vergangen Winter viel an den Waldrändern zur Straße hin aktiv. Dort sind wir verantwortlich für die Verkehrssicherheit. Wegen der Trockenheit sterben viele Buchen ab. Die Baumart Esche kämpft mit einem eingeschleppten Pilz, der die Esche ebenfalls zum Absterben bringt. Kranke und labile Bäume müssen wir an Straßen entnehmen. Das fällt den Bürger*innen natürlich auf. Evtl. ist der Eindruck entstanden, es wurde viel Holz gemacht. Haben wir aber nicht.

Viele Waldbesucher sehen, dass an einigen Forstwegen viel Holz liegt und machen sich dann sorgen, dass zu viel Holz entnommen wurde. Dieses Holz konzentrieren wir aber an bestimmten Abfuhrwegen. Zu kleine und im Revier verstreute Holzhaufen erschweren die Holzabfuhr.

In der Diskussion um CO2 ist der Wald Retter und Opfer zugleich. Es zeigt sich aber auch, dass ein bewirtschafteter Wald hilft den CO2 Haushalt positiv zu beeinflussen. Der Rohstoff Holz ist klimaneutral und ein bewirtschafteter Wald bindet auch wieder mehr CO2.

 

Wie hoch ist der Holzeinschlag im Stuttgarter Rotwildpark?


Die Zielsetzung ist in erster Linie überall gleich: Wald als Holznutzung, als Lebensraum und als Erholungsraum für die Menschen. Diese drei Hauptfunktionen sind alle gleichwertig. Manchmal widersprechen sie sich, dann muss man abwägen, was nun wichtiger ist. In einem Fichtenwald wird wegen der Bedrohung durch den Borkenkäfer z.B. mehr Holzwirtschaft betrieben, um den Wald umzustrukturieren.
Bei uns geht es vor allem um die Pflege der Eichen. Dabei kamen im letzten Jahr 30 Festmeter pro Hektar an Holz auf, was vergleichsweise wenig ist. Der Durchschnitt im Forstbezirk liegt bei 50 Festmeter. Das liegt in diesem Fall daran, dass es sich hier um ein Naturschutzgebiet handelt und die Zielsetzung ist hierbei klar die Erhaltung der Eichen und des Eremiten (LINK zu Eremit/Naturschutz). 

Wirtschaftswald

Was machen Sie, um an Holz zu kommen? Kommt das Holz nur von „kranken“ Bäumen?

Wir entnehmen auch gesunde Bäume. Stellt euch mal einen Bestand vor mit ganz vielen jungen Bäumen. Ich weiß nicht, wie viel tausende oder zehntausende Buchen da auf einem Hektar zu Anfang stehen können. Wenn man jetzt hundert Jahre weiterdenkt, sind die Bäume größer und dicker und es können auf dieser Fläche viel weniger Bäume leben. Bevor die Bäume jetzt aber absterben, was sie im natürlichen Umfeld tun, nutzen wir sie. So entnehmen wir beispielsweise Bäume, die andere Bäume bedrängen, sogenannte Bedränger und verwenden sie für die Holzwirtschaft. Wenn man nur Bäume fällen und alles liegen bleibt, ist das nicht in unserem Sinne. Wir Menschen brauchen das Holz.

 

Wie werden die Bäume in der Holzwirtschaft genutzt?

Die wertvolleren Hölzer sind Stämme, die man als Sägeholz nutzt. Diese dürfen nur wenig Äste und keine Stammbeschädigung haben und müssen rund gewachsen sein - da gibt es ein paar Kriterien, die erfüllt sein müssen. Diese wertvollen Hölzer sind aber die Ausnahme. Den größten Teil stellen Industrieholzpolter dar. Das sind beispielsweise die schwächeren Buchen, welche in die Eichen eingewachsen und noch nicht so dick sind. Diese werden für Papier, Spanplatten, Paletten oder Verpackungsmaterialien genutzt.

 

Winkelnarben (Augenformen) umgangssprachlich ach Chinesenbart genannt

Werden alle Teile der Bäume verwendet?

Grundsätzlich wird der entnommene Baum so gut es geht verwendet. Dabei wird der Baum je nach Merkmalen in verschiedene Qualitäten und Sorten eingeteilt. Gehen wir mal von einer stärkeren Buche aus: da gibt es zunächst unten den dickeren Stamm, der im besten Fall als Sägeholz zu einem Tisch oder ähnlichem weiterverarbeitet werden kann. Dann geht es weiter nach oben, da kommen mehr Äste. Diese Abschnitte werden für Paletten, Tischlerplatten Spanplatten oder als Brennholz verwendet. Ganz oben in der Krone wächst das Feinmaterial, welches im Wald als Totholz zurückbleibt. Grundsätzlich kann man sagen, dass bei jedem Baum der untere Teil genutzt wird und der obere Kronenteil im Wald als Totholz verbleibt. Eine Besonderheit in Stuttgart ist, dass wir fast an urwaldartige Bereiche herankommen. Wir haben 50 Festmeter pro Hektar Totholz im Wald. Das ist für einen bewirtschafteten Wald sehr hoch. Im Urwald bewegen wir uns auch zwischen 50 und 70 Festmeter Totholz je Hektar. Wir versuchen hier weiter aufzubauen, um den Wert weiter zu erhöhen. Totholz ist auch ein Wasserspeicher und bietet Lebensraum für Pilze, Insekten und andere Lebewesen.

Augen und Angstreisser

Was ist mit diesen „schönen“ Bäumen mit wenig Astlöchern, die man für beispielsweise für Möbel braucht. Werden die speziell gezüchtet?

Neben den Habitatbäumen weisen wir auch sogenannte Zukunftsbäume aus. Das sind Bäume mit geraden und astfreien unteren Stammteilen. Diese pflegen wir dann ebenfalls. Beispielsweise achten wir bei einer Eiche mit schönem geradem Stamm mit sechs oder acht Metern astfreiem Schaft darauf, dass sie noch mehr ummantelt wird, damit keine Wasserreißer entstehen und der Stamm astfrei bleibt. Wir kümmern uns auch um die Krone und sorgen dafür, dass sie genug Platz hat und sich gut entwickeln kann. Wenn der Baum eine gewisse Dimension erreicht hat, ernten wir ihn. Eichen ab etwa 90cm Brusthöhendurchmesser kann man beispielsweise auf eine Submission (Versteigerung) dem Meistbietenden verkaufen.

 

Was heißt es denn, Bäume zu ummanteln?

Man nutzt die Wuchsdynamik von verschiedenen Baumarten aus. Stellt euch eine Eiche mit astfreiem Schaft vor. Wenn man diese freistellt und Licht an den Stamm kommt, dann passiert Folgendes: Die Eiche hat Knospen, sogenannte schlafende Augen, am Stamm. Wenn diese Licht abbekommen, treiben lauter kleine Ästchen aus und dadurch entstehen kleine Astmerkmale im Holz. Aber der Verbraucher möchte oft nicht, dass sich auf einem Türblatt zu viele dieser Astmerkmale befinden. Deswegen nutzt man andere Baumarten, zum Beispiel Hainbuchen, die mehr Schatten vertragen und unter den Eichen wachsen können. Sie wachsen unter der Eiche und beschatten den astfreien Stamm, sodass sich diese schlafenden Augen erst gar nicht entwickeln oder austreiben können. Gleichzeitig muss man wiederum darauf achten, dass die Äste dieser Schatten spendenden Bäume nicht zu nah an den Stamm herankommen und daran reiben und ihn verletzen. Kommt dann doch ein solcher Baum dem Stamm oder der Krone zu nahe, wird dieser entnommen.

Sammelstelle Einschlag Winter 2020/21 eines Beschlages

Wir verbrauchen ja extrem viel Holz für alles Mögliche. Gibt es da vielleicht ein paar Sachen, die man an die Verbraucher weitergeben könnte?

Ich fände es nicht richtig, wenn wir hier in Deutschland nur Urwälder fördern und dann unseren Holzbedarf, für beispielsweise eine Tür, aus anderen Ländern importieren. Da hat man es auch nicht unter Kontrolle, ob dort nachhaltig gewirtschaftet wird. Die Zertifizierungen, wie das weltweite FSC Zertifikat sind nicht in jedem Land gleich. Das bedeutet bei uns etwas ganz Anderes als zum Beispiel in Südafrika. Es gibt verschiedene Kriterien, die eingehalten werden müssen. Der Verbraucher sieht das Zertifikat, denkt es ist FSC zertifiziert, aber weiß gar nicht, dass das Holz eigentlich wo ganz anders herkommt. Also lieber lokal als importiert. Auch vor dem Hintergrund CO2-Ausstoß beim Transport.

Auch sollte man sich vielleicht überlegen: Brauche ich wirklich etwas Neues?  Hierbei geht es nicht nur um Holz, sondern auch um Lebensmittel, wo ebenso viel zu viel weggeschmissen wird. Wir sollten uns in allen Bereichen ressourcenschonender verhalten. Nicht alles, was weggeschmissen wird, ist gleich schlecht. Bei Möbeln ist das ähnlich. Als Verbraucher kann man sich da vielleicht ein bisschen an die eigene Nase fassen und schauen, wie wir die Ressourcen nutzen und ob der Neukauf sein muss.

Bohrgänge vom Borkenkäfer in der Fichte

Die Fichtenwälder dienen größtenteils der Holzwirtschaft Sie sind sehr geschwächt und doch sind die Holzpreise sehr niedrig und wir haben fast schon eine Überproduktion. Sind die niedrigen Holzpreise mit dem Waldsterben verbunden? Wie wird das gerechtfertigt?

Fangen wir erstmal mit den Holzpreisen an. Die Nadelholzpreise sind in den letzten Jahren wegen den Trockenschäden sehr stark in den Keller gegangen. Die Fichte hatte z. B. zu wenig Wasser, um Harz zu produzieren und sich effektiv gegen den Borkenkäfer zu schützen. Dazu gab es auch ein paar Sturmereignisse, bei denen einige Bäume gefallen sind und wenn man diese nicht entfernt hat, waren das perfekte Brutstätten für den Borkenkäfer. In Deutschland sieht es momentan sehr düster aus. Nicht, weil die Wälder so dunkel sind, sondern eher andersrum. Wir haben mittlerweile weniger alte Nadelhölzer, die sind zu einem großen Teil eingeschlagen worden und das Holz, das durch all diese Umstände gefällt wurde, ist dann erstmal auf den Markt gekommen. Durch diese Überflutung ging der Marktpreis in den Keller. Man versucht dagegen zu halten, wir hatten vom ForstBW lange einen Einschlagstopp, um den Markt nicht noch zusätzlich zu belasten. Dadurch können Schadhölzer erstmal verlauft und verwendet werden. Es ging also nicht um eine planmäßige Waldbewirtschaftung, sondern um die Vermarktung von Schadholz zum Schutz der verbliebenen Wälder. Im Forstbezirk Schönbuch haben wir das Problem aber nicht in diesem Maß.
Mittlerweile hat sich die Lage sogar komplett geändert. Wir haben eine hohe Exportnachfrage, vor allem nach China und den USA, was den Schnittholzpreis derzeit stark steigen lässt. Allerdings kommt der rasante Anstieg nicht beim Rundholz an. In dem Bereich haben wir zurzeit gerade mal das Vorniveau erreicht. Das Nadelholz werden wir so schnell nicht ersetzen können. Es gibt natürlich Unternehmen, die versuchen, mit anderen Baumarten zu arbeiten. Aber ich vermute, das wird irgendwann zu einer Knappheit beim Nadelholz führen bzw. ist das Holz für deutsche Unternehmen jetzt schon sehr knapp.
Einige kleinere lokale Sägewerke in bestimmten Regionen von Deutschland werden bestimmt noch Probleme bekommen, genügend Nadelholz einzukaufen. Dann wird wahrscheinlich viel Holz importiert werden müssen. Die Fichte ist für die Bauindustrie eine sehr wichtige Baumart und wir sollten diese nicht komplett verteufeln. Wenn die Fichte nicht in Monokulturen, sondern mit anderen Baumarten zusammen vorkommt, kann man die Fichte noch mithalten. Die Masse ist natürlich nicht vergleichbar, sie deckt künftig wahrscheinlich nicht unseren Bedarf an Bauholz. Wir müssen in der Bauindustrie auch nach Alternativen zur Fichte Ausschau halten.

Auch für die Erholungssuchenden hier im Stuttgarter Wald sind die Nadelhölzer wichtig. Im Winter sind die Nadelholz wie „grüne Augen“ im sonst kahlen Winterwald.

Borkenkäfermonitoring Pheromonfalle

Wie kam es zu den Fichtenmonokulturen?

Nach dem Krieg war Deutschland ziemlich zerbombt. Daher brauchte man schnell wachsendes Bauholz. Nadelholz wie Fichte, Tanne und Kiefer eignen sich dafür sehr gut. Darum hat man zu dieser Baumart gegriffen. Nun sagen einige: „der Krieg ist doch jetzt schon lange her“, aber hierbei werden die Reparationszahlungen ganz vergessen. Gerade in der französischen und sowjetischen Besatzungszone, gab es viel Einschlag und Holzexporte.
Die Fichten-Monokulturen liegen aber noch ein Stück weiter zurück. Früher in der Bergbauzeit, als man Eisenerz geholt hat, hat man die Wälder ziemlich erschöpft. Da waren viele Wälder komplett kahl. Hier hat man dann auch zu Fichten und Kiefern gegriffen und sie fast landwirtschaftlich angebaut.
Erst nach der Wende wurde in Ostdeutschland wieder die Buche unter die Fichte gebracht. Aber bis so ein Wald gewachsen ist dauert es eben. Die Förster in Deutschland sind bis heute sehr bemüht, mit Hilfe von Baumschulen und Verjüngung die Wälder zu stabilisieren. Das ist eben ein langwieriger Prozess, bei dem man viel in die Zukunft planen muss.

Was auch in anderen Gebieten aufgefallen ist: in den Fichtenmonokulturen sind ganze Waldgebiete kahl, da stehen keine großen Bäume mehr. Naturverjüngung findet vielleicht statt, sodass sich relativ schnell wieder junger Wald einstellt. Aber es gibt Gebiete, die sehen schlimm aus und da fragt man sich: Was wird denn nun aus der Fläche? Zum Glück haben wir das bei uns in Stuttgart nicht. Die letzten großen Schadereignisse waren der Sturm Lothar, der in diesem Revier gewütet und eine Vielzahl an Bäumen umgeworfen hat.  Doch selbst wenn man sich diese Bereiche anschaut - sie sind weder groß noch alt - aber immer noch Wald und es ist total spannend zu sehen, was danach entstanden ist. 

Habt ihr abschließend noch etwas zu sagen?

Unsere Vorgänger hier in Stuttgart haben gut gewirtschaftet. Sie haben immer schon Mischbestände hingestellt, was sehr gut war. Andere Gegenden, wie Mittelgebirgsregionen und Norddeutsche Kieferregionen, in denen man viel auf die Fichte als Monokultur gesetzt hat, waren die Gebiete, die uns in der Nachkriegszeit mit Bauholz versorgt haben. Man darf nicht vergessen, dass man das nicht zu schnell umbauen kann sondern immer nur Stück für Stück. Wenn man eine Monokultur aus Nadelholz in einen stabilen Mischbestand umwandeln möchte, braucht man viele Jahrzehnte. Der Stuttgarter Wald hat zum Glück keinen Waldumbau nötig. Wir haben bereits Mischwälder. Da müssen alle Wälder hin: Baumartenvielfalt auf der Fläche; dann bleibt uns der Wald auch weiterhin erhalten.

Weitere Themen:

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