BUND Kreisverband Stuttgart

Neues Jahr! Na und? - Eine kleine Geschichte

01. Januar 2023

Morgens viertel vor sieben. Dein Wecker hämmert dir seinen wohlklingenden Klang um die Ohren. Völlig übermüdet – Instagram und Co haben Dich bis spät in die Nacht wachgehalten – rollst Du Dich irgendwie aus dem Bett. Eigentlich bist Du schon viel zu spät dran, wolltest aber noch jede Minute Schlaf mitnehmen, die möglich ist.

 (Daniel Schwermann - BUND KV Stuttgart)

Du duschst Dich im dauerhaft auf 24 °C geheizten Badezimmer. Um Zeit zu sparen, stellst Du den Wasserhahn beim Schamponieren gar nicht erst aus. Kurz in Hemd und Hose geschlüpft, die Du jeweils für ‘nen Fünfer in einem Fast-Fashion-Geschäft erworben hast. Und schon raus aus dem Haus. Die Heizung bleibt an.

Du passierst Deinen Steingarten und noch halb benebelt stolperst Du in deinen stark subventionierten Plug-In-SUV-Firmenwagen. „Ah. 21°C, wie zu Hause“, denkst Du. Bereits seit einer halben Stunde ist der Wagen vorgeheizt. Du tankst kurz deinen Wagen auf. Das Ladekabel liegt noch eingeschweißt irgendwo im Kofferraum. Im Laden ergatterst Du noch zwei in Plastik eingeschweißte Donuts, eine Packung Bifi und einen Kaffee-To-Go. Du zückst die Tankkarte der Firma und bezahlst. „Warum zum 50 Meter weiter vom Büro entfernten Parkplatz mit Ladesäule fahren, wenn der Arbeitgeber bezahlt?“ fragst Du Dich.

Du fährst weiter und schaltest das Radio ein. „…Newsflash: Letzte drei Bürgerenergieprojekte aufgrund bürokratischer Hürden eingestampft. Earth Overshoot Day dieses Jahr am 28. Juli. Keiner der 58 beim Klimaindex untersuchten Staaten ist auf einem Pfad zur Erreichung der Pariser Klimaziele…“. „Klasse!“ denkst Du.

Deine Pläne für die angedachten Photovoltaik-Anlagen auf Deinen drei Häusern hast Du auch wieder verworfen, weil das Mieterstrom-Modell viel zu kompliziert ist. Da kommt Dir auch wieder die E-Mail von drei Deiner Mieter in den Kopf. „Uns fressen die Energiekosten auf. Es zieht an allen Ecken und Enden in der Wohnung, die Fenster sind blind, die Außenwände von 1948 noch im Originalzustand. Wann gedenken Sie das Haus zu sanieren?“ Aber warum solltest Du sanieren? Horrende Investitionskosten auf Dich nehmen, wenn Du nichts von den geringeren Heizkosten hast? Bei der geringfügig höheren Kaltmiete amortisiert sich das ja nie für Dich. Abgesehen davon gäbe es eh keine Handwerker, die das umsetzen könnten.

Du bleibst an einer roten Ampel nahe Haltstelle Olgaeck stehen und schaust nach draußen. Ein Fahrradfahrer wird beim Abbiegen fast überrollt. An der Fußgängerampel tummeln sich die Passanten. Die warten schon seit zwei Ampelphasen darauf, endlich gehen zu können. In der vorbeifahrenden U-Bahn werden die Passagiere an die Ausstiegstüren gepresst. Du lehnst Dich zurück in Deine Sitzheizung. „Warum bei den Bedingungen aufs Auto verzichten?“.

Bei der Arbeit angekommen, fängt Dich ein Kollege ab. „Wir müssen zum Flughafen. Wir müssen auf ein zweistündiges Meeting in München.“ „Dauert das nicht genauso lang, wenn wir mit dem Zug fahren?“ fragst Du. „Schon. Aber das kostet das dreifache“. „Trotz CO2-Kompensation?“ fragst Du verblüfft. „CO2-Kompensation? Das gab‘s bis jetzt noch auf keinem Flug von der Firma“.

Mal ehrlich, auch wenn vieles überspitzt für eine Person dargestellt ist, die meisten Punkte werden Dir bestimmt auch schon begegnet sein oder Du findest Dich selbst in der ein oder anderen Situation wieder.

Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende?

Also 2023 hat begonnen. Und jetzt? Ändert sich etwas? Bleibt alles beim Alten? Ich hoffe nicht. In der kleinen „Geschichte“ oben ist nur eine sehr kleine Auswahl an Dingen enthalten, die sich ändern müssen, sei es durch Privatpersonen oder durch die Politik. Es gibt an zahlreichen Ecken so vieles zu tun, aber zu versuchen, alle Themen gleichzeitig angehen zu wollen, hat wohl eine ähnlich hohe Sinnhaftigkeit, wie sich frustriert und hoffnungslos einfach mit dem Ist-Zustand abzufinden. Ziele sind zu definieren. Es lässt sich sicherlich darüber streiten, wie sinnvoll es ist, sich erst mit notwendigen Änderungen in seinem Leben / in der Politik auseinander zu setzen, wenn ein Datum einem das diktiert. Es ist jedoch sicherlich besser als sich gar nicht damit zu beschäftigen. Das Problem: Ein erreichbares Ziel zu finden, ist gar nicht so leicht und genauso „Arbeit“ wie das Erreichen des Ziels selbst.

Mir hilft es da zunächst, über mein wichtigstes Ziel nachzudenken bzw. über den Zustand, der mich am meisten stört. Damit es etwas anschaulicher wird, gebe ich im Folgenden noch ein kleines Beispiel dazu, welches in kursiv hinterlegt ist: Ich möchte Vegetarier werden.

Ist der Zielzustand klar, können die nächsten Fragestellungen angegangen werden: Was wäre eigentlich der Vorteil für mich (und für andere), wenn ich dieses Ziel erreichen würde, habe ich dieses Ziel schonmal erreicht und weiß ich, wie es sich anfühlt? Vorteile: Ich lebe gesünder. Ich trage dazu bei, dass die Massentierhaltung/das Töten von Tieren seltener wird, mehr Flächen für Nahrungsmittel frei und die CO2-Emissionen verringert werden. Nachdem ich es mal zwei Wochen ausprobiert habe, schien scheinbar meine Verletzungsanfälligkeit beim Sport reduziert zu sein und ich bin seltener müde nach dem Essen. Ich fühle mich gut, das aus meiner Sicht Richtige zu tun.

Manchmal hat die Beantwortung dieser Fragen bereits zu der Feststellung geführt, dass ich selbst gar nicht so sehr hinter dem Ziel stehe, sondern mir Moral, Medien und Umgebung dieses Ziel nur in den Kopf gepflanzt haben. Bei dieser extrinsischen Motivation wird die Zielerreichung nicht nur deutlich schwieriger, vielleicht musst Du die Zielerreichung selbst für Dich auch in Frage stellen.

Danach schaue ich mir meine Gewohnheiten an, die gegen das Ziel laufen und warum ich diese Gewohnheiten habe. Beim täglichen Gang in die Kantine lacht mich das nicht vegetarische Gericht immer mehr an, ich esse jeden Tag Fleisch, ich koche immer mit Fleisch und weiß eigentlich gar nicht so recht, was ich sonst so kochen könnte, Fleisch schmeckt mir besser als alles andere und ich kenne keine zufriedenstellenden Alternativen.

Nun wird es schwierig, denn es gilt, folgende Fragen selbst ehrlich zu beantworten: Wie willensstark bin ich? Was traue ich mir zu sofort zu ändern, das ich auch dauerhaft durchhalten kann? Verändern die Wandlungen meine Gewohnheiten maßgeblich oder lassen sie sich einfach integrieren? Wann denke ich, dass ich einen weiteren Schritt in Richtung Zielerreichung machen kann? Willensstärke eher mäßig, da ich bis jetzt fast jeden Tag Fleisch esse, zunächst zwei Tage die Woche ohne Fleisch, da ich hierfür noch Ideen habe, was ich kochen kann. Am Wochenende habe ich die Möglichkeit, mir Zeit zu nehmen, etwas Neues zu kochen und auszuprobieren, was nicht auf Fleisch basiert. Wenn ich das zwei Monate durchhalte, kann ich einen Tag pro Woche weniger Fleisch essen, ansonsten warte ich noch einen weiteren Monat.

Es geht weiter: Wie halte ich meine selbst gesteckten Ziele ein und nach? Hilft es mir, mich bei Erfüllung zu belohnen? Schreibe ich mir auf, warum ich ein Ziel nicht erfüllt habe? Passe ich mein Ziel an, weil ich es zu einfach finde oder weil es mir zu schwerfällt? Hier hilft zum Beispiel ein kleines Tagebuch, in dem Du Deine eigenen Erfahrungen aufschreibst. So fällt Dir auch schnell auf, wie Du Dich entwickelst und ob es Dir zunehmend leichter fällt, es stagniert, oder Deine Zielerfüllung immer schlechter wird. Angelehnt daran, passt Du dann Deine eigenen Ziele wieder an. Stehst Du deswegen sogar unter Stress, setze es aus oder stelle dir die Frage, ob Du Dich vielleicht doch besser an einem anderen Ziel versuchst, das Dir persönlich mehr bringt. Bist Du ein kompetitiver Mensch, hilft es Dir vielleicht, Dir je nach Erfüllungsgrad Deiner Ziele Punkte zu geben und Dein Ergebnis wöchentlich auszuwerten.

Kleine Ideensammlung

Im Besten Fall konnte ich mit der Vorgehensweise jemanden helfen, sich ein gutes Ziel zu setzen und dieses zu erreichen. Hier noch paar Beispiele für mögliche Änderungen und was im nächsten Jahr Neues gewagt werden könnte (Politik und Du):

Zum Schluss ein Appell an Dich, die Politik, mich, eigentlich jeden auf dieser Welt: Nimm Dir bitte die Zeit, über das nachzudenken, was nicht gut läuft und wie Du es ändern kannst. Das hilft nicht nur Dir selbst, sondern auch der Gesellschaft weiter. Und wie schön das Gefühl ist, ein Ziel erreicht zu haben, weißt Du wahrscheinlich auch selbst. Und insgesamt, warum nicht auch mal etwas Neues wagen im neuen Jahr? Meist tut das gar nicht weh.

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