10. Januar 2021
Blick auf den Grünen Heiner in Stuttgart-Weilimdorf (Bildquelle: BUND KV Stuttgart)
(BUND KVS
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BUND KVS)
Das Ziel der Energiewende ist bekannt: Wir wollen zukünftig ohne Atomkraft und ohne das Verbrennen von Kohle, Erdöl und Erdgas auskommen. Die Windkraft könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Doch in Stuttgart ist das Windrad auf dem Grünen Heiner bei Weilimdorf die einzige Windkraftanlage. Wie sieht es im Stuttgarter Umland aus?
In der Region Stuttgart gibt es 41 Vorranggebiete für Windkraftanlagen
Zwischen den Jahren 2011 und 2015 beschäftigte sich die Regionalversammlung der Region Stuttgart im Rahmen der „Teilfortschreibung Windkraftstandorte“ mit der Suche nach weiteren möglichen Standorten für Windräder. Dabei wurden verschiedene Standorte mit ausreichenden Windverhältnissen ausgeschlossen, weil sie in Landschaftsschutzgebieten liegen, aus artenschutzrechtlichen Gründen nicht in Frage kommen, in der Einflugschneise des Stuttgarter Flughafens liegen oder für eine militärische Nutzung vorgesehen waren. Am Ende des Prozesses wurden 41 Vorranggebiete für Windkraftanlagen ausgewiesen. Davon liegen 32 in den Landkreisen Göppingen und Rems-Murr. In den Landkreisen Ludwigsburg, Böblingen und Esslingen wurden jeweils nur zwei bis vier Vorranggebiete ausgewiesen. In Stuttgart kam außer dem damals bereits mit einem Windrad bebauten Standort am Grünen Heiner in Weilimdorf kein weiterer Standort hinzu [1], [2].
In der Region Stuttgart sind 56 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von etwa 120 Megawatt installiert
In zehn der 41 Vorranggebiete waren im Jahr 2015 bereits Windkraftanlagen vorhanden. Seit 2015 kamen lediglich drei Windräder in Winterbach (Rems-Murr-Kreis) sowie 24 Windräder an drei Standorten im Landkreis Göppingen hinzu. Damit gibt es in der Region Stuttgart jetzt 56 Windkraftanlagen aufgeteilt auf 14 der 41 ausgewiesenen Vorranggebiete. 50 dieser 56 Windkraftanlagen befinden sich im Landkreis Göppingen. Die von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg angegebenen Generatorleistungen aller Windräder in der Region Stuttgart summieren sich auf etwa 120 Megawatt [2].
Sind 120 Megawatt viel?
In Deutschland lebten Ende 2019 etwa 83,17 Millionen Menschen [3]. Die Einwohnerzahl der Region Stuttgart betrug am 30.09.2019 etwa 2,8 Millionen [4]. Das entspricht ungefähr 3,4 Prozent der Bevölkerung in Deutschland. Ende 2020 belief sich die Gesamtleistung aller in Deutschland auf dem Festland installierten Windkraftanlagen auf 54.938 Megawatt [5]. In der Nord- und Ostsee wurden weitere 7.770 Megawatt mit Windkraft erzeugt [6]. Die 120 Megawatt aus der Region Stuttgart machen also etwa 0,2 Prozent der in Deutschland insgesamt gewonnenen Windenergie aus.
Ein Anteil von 0,2 Prozent an der erzeugten Windenergie bei einem Einwohneranteil von 3,4 Prozent - das ergibt ein klares Bild: Die Windkraft spielt in der Region Stuttgart eine viel kleinere Rolle als in Deutschland.
Wie bitte? Haben wir hier nicht genügend Wind?
Beim Thema „Wind und Stuttgart“ kamen mir zuerst die Weihnachtstage 1999 in den Sinn: Das Orkantief Lothar fegte von Frankreich kommend über Deutschlands Südwesten, die Schweiz und Österreich und legte dabei auch rund um Stuttgart einige Waldgebiete buchstäblich flach. Mit den Aufräumarbeiten waren Waldarbeiter*innen und Landschaftsgärtner*innen einige Monate lang beschäftigt. Doch abgesehen von Naturphänomenen wie Lothar ist Stuttgart eher für Windstille bekannt, man denke nur an die Diskussion über die Ursachen der hohen Feinstaub- und Stickoxidbelastung am deutschlandweit berühmt-berüchtigten Neckartor vor ein paar Jahren oder die besonders im Sommer vergleichsweise stickige Luft im Stuttgarter Talkessel. Und tatsächlich:
In Stuttgart weht meist nur ein laues Lüftchen
Basierend auf Messdaten aus den Jahren 1961 bis 1990 wurde ermittelt, dass am Stuttgarter Flughafen im Jahresmittel eine Windgeschwindigkeit von 2,5 Meter pro Sekunde herrschte. Zum Vergleich: In Hamburg ist die durchschnittliche Windgeschwindigkeit doppelt so hoch und im norddeutschen Flachland fernab der Küste weht der Wind mit durchschnittlich etwa 4 Meter pro Sekunde auch deutlich stärker als am Stuttgarter Flughafen [7]. In der Stuttgarter Innenstadt wurde im Jahr 1994 eine noch niedrigere mittlere Windgeschwindigkeit von nur 2 Meter pro Sekunde gemessen [8].
Ein wichtiger Grund für den schwachen Wind in Stuttgart und Umgebung ist die geographische Lage zwischen dem Schwarzwald, der Schwäbischen Alb, dem Schurwald und dem Schwäbisch-Fränkischen Wald [8]. Dies lässt sich gut auf den Karten zur Windleistungsdichte in Baden-Württemberg erkennen [9]. Diese Karten zeigen auch, dass die für die Windkraft am besten geeigneten Regionen Baden-Württembergs im Schwarzwald, auf der Ostalb und im Nordosten Baden-Württembergs liegen. Auch in anderen Mittelgebirgen und in weiten Teilen Norddeutschlands herrschen bessere Bedingungen für die Windkraft als in Stuttgart.
Also ist die Stromerzeugung durch Windkraft in und um Stuttgart wirtschaftlich nicht sehr interessant
Weil in der Region Stuttgart die Windgeschwindigkeit normalerweise vergleichsweise niedrig ist, kann ein Windrad in Stuttgart weniger Energie erzeugen als dasselbe Windrad an einem der vielen besser geeigneten Standorte. So ist es kaum verwunderlich, dass die Energieerzeuger bevorzugt Windkraftanlagen an anderen Standorten gebaut haben und die Windkraft in und um Stuttgart eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielt.
Was heißt das für den Beitrag der Windkraft zu unserer zukünftigen Energieversorgung?
Dass Windkraftanlagen in der Region Stuttgart energetisch gesehen weniger lohnend sind als in windreicheren Regionen, lässt sich nicht ändern. Entsprechend wird die Stromerzeugung durch Windkraft in der Region Stuttgart nur dann eine große Rolle spielen, wenn der politische Wille dazu vorhanden ist. Letztendlich müsste sich der Bund oder das Land an den Investitionen in Windkraftanlagen in und um Stuttgart beteiligen oder der Gesetzgeber müsste die Rahmenbedingungen so anpassen, dass Investitionen in die Windkraft in der Region Stuttgart aus Sicht der Energieerzeuger wirtschaftlich sinnvoll werden.
Grundsätzlich ist die Energiewende in der Region Stuttgart mit oder ohne Stromerzeugung durch Windkraft möglich. Der Verzicht auf einen Ausbau der Windkraft rund um Stuttgart würde bedeuten, dass die lokale Stromerzeugung mittels Photovoltaikanlagen noch stärker als ohnehin nötig ausgebaut werden muss und dass mehr Strom und regenerativ erzeugte Energieträger in die Region Stuttgart importiert werden müssen.
Wichtig ist, dass sich die politischen Entscheidungsträger*innen zeitnah und wohlüberlegt auf ein Vorgehen einigen und dann die notwendigen Schritte zügig umsetzen, denn eines ist klar: Der Klimawandel wartet nicht.
[1] https://www.region-stuttgart.org/wind/
[2] Link „Windenergieanlagen im Daten- und Kartendienst der LUBW“ auf der Website
https://www.lubw.baden-wuerttemberg.de/erneuerbare-energien/karten
[3] https://de.statista.com/themen/20/einwohnerzahl/
[5] https://www.wind-energie.de/themen/zahlen-und-fakten/deutschland/
[7] https://www.stadtklima-stuttgart.de/index.php?klima_klimaatlas_3_wind
[8] https://www.stadtklima-stuttgart.de/index.php?klima_s21_grundlagen_kap5.1
[9] Link „Windatlas im Daten- und Kartendienst der LUBW“ auf der Website
https://www.lubw.baden-wuerttemberg.de/erneuerbare-energien/karten
Über unseren Autor: Sascha Grob gehört zum Redaktionsteam des BUND Stuttgart. Der Verfahrenstechniker setzt sich für den Natur- und Klimaschutz ein und ist gerne mit dem Fahrrad unterwegs.
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