BUND Kreisverband Stuttgart

Solidarische Landwirtschaft Stuttgart – Wie funktioniert’s? Ein Interview

28. August 2020 | Landwirtschaft, Ressourcen & Technik, Nachhaltigkeit, Lebenswertes Stuttgart

Gemüse, Obst und Eier finden wir zu jeder Tageszeit im Supermarkt um die Ecke, verpackt, unverpackt, im Glas oder schon fertig verkocht. Aber wo kommt es eigentlich her? Und wer hat es geerntet?

Bild: Solidarische Landwirtschaft Stuttgart

Seit 2012 gibt es die Solidarische Landwirtschaft Stuttgart (SoLaWiS) – eine Gruppe von Verbraucher*innen, die auf dem Demeterhof Reyerhof in Stuttgart-Möhringen Lebensmittel anbaut und unter den Mitgliedern über Verteilpunkte in der Stadt verteilt. Diese Alternative ist nicht nur nachhaltig, sondern auch praktisch für den Verbraucher.

Wie SoLaWiS funktioniert und welche Vorteile das Konzept mit sich bringt, erfahrt ihr in einem Interview mit Lena, Lidia und Renate vom Koordinationskreis der Solidarischen Landwirtschaft Stuttgart.

BUND: Hallo Lena, Lidia und Renate, was genau macht SoLaWiS?

SoLaWiS: Wir sind eine Gruppe von Verbraucher*innen, die mit dem Reyerhof, einem Demeterhof in Möhringen, kooperiert, um Lebensmittel ökologisch, regional, saisonal, in Vielfalt und hoher Qualität zu produzieren. Der Reyerhof bewirtschaftet seine ca. 40 Hektar seit 1955 nach den Prinzipien des biologisch-dynamischen Landbaus und erwirtschaftet neben Gemüse und Getreide auch Fleisch, Milch, andere Milcherzeugnisse und seit Ende 2019 auch Eier.

Als solidarische Landwirtschaft finanzieren wir nicht einzeln käufliche Produkte, sondern verantworten gemeinschaftlich die Produktion. Der Ernteertrag wird unter den Mitgliedern der solidarischen Landwirtschaft aufgeteilt. Dabei entsteht sowohl ein anderes Verhältnis zu den Lebensmitteln als auch eine solidarische Gemeinschaft unter den Abnehmern und dem Hof.  Wir wollen Verantwortung dafür übernehmen, wie unsere Lebensmittel erzeugt und verteilt werden.

Jedes Jahr wird das Budget des Reyerhofs gemeinsam besprochen und jedes Mitglied der SoLaWiS gibt eine Kostenzusage für einen Anteil. Dafür erhalten wir dann wöchentlich Kartoffeln, Gemüse, Salat, Apfelsaft, Getreide, Mehl und Brot. Es wird alles verteilt, was geerntet wird, ungeachtet etwaiger äußerer Mängel. So werden Verluste minimiert. Darüber hinaus beteiligen sich die SoLaWiS auch an Hofeinsätzen, die einen Einblick in die Zusammenhänge der Lebensmittel-erzeugung geben. Es entsteht ein intensiver auch jahreszeitlicher Bezug, das Gefühl für Saisonalität und Regionalität wird gestärkt.

BUND: Wie funktionierten eure Initiative bzw. euer Verein?

SoLaWiS: Unsere Solidarische Landwirtschaft besteht aus einer Initiative, die sich um die Gemüseverteilung kümmert, und einem Verein, der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit leistet. Wir strukturieren dies über einen Koordinationskreis und Arbeitsgruppen.

Der Koordinationskreis z.B. ist die zentrale Anlaufstelle unserer SoLaWiS. Er beantwortet Anfragen von außen und leitet diese an die zuständige Arbeitsgruppe weiter. Der KoKreis entscheidet über wichtige Belange der SoLaWiS.  Die Treffen sind grundsätzlich immer für alle Mitglieder offen und die Protokolle sind für alle SoLaWiS-Mitglieder über einen Link in der Kistenpost zugänglich. Weitere Aufgaben sind die Organisation der Verteilpunkte, sowie die Buchhaltung und Mitgliederverwaltung der Gemüseanteile.

BUND: Welche Beweggründe brachten euch dazu SoLaWiS zu gründen?

SoLaWiS: Beim Betreten des Supermarktes erwartet uns zu jeder Tageszeit eine prall gefüllte Obst- und Gemüseabteilung, die uns das ganze Jahr über Zucchini, Blattsalat und Bananen bieten soll. Tomaten und Erdbeeren im Dezember, Ananas zu Spottpreisen, Äpfel, die eine halbe Weltreise hinter sich haben und Biogurken in Plastik verschweißt. Wir ärgern uns über die vielen Lebensmittelskandale, die in immer kürzer werdenden Abständen über uns hinwegrollen, wissen aber nicht, wo unser Brot eigentlich herkommt. Wir können Biokartoffeln aus Israel oder konventionelle Kartoffeln aus Frankreich kaufen, dabei sieht man aus den U- und S-Bahnfenstern am Stuttgarter Stadtrand Kartoffelfelder. Müssen wirklich tonnenweise hochwertige Lebensmittel täglich im Müll landen, damit wir auch um 22 Uhr nicht vor leeren Regalen stehen?

BUND: Gab es ähnliche Projekte, die Euch inspiriert haben?

Es gibt das Prinzip Teikei aus Japan, CSA aus der Schweiz, den USA; in Deutschland war der Kattendorfer Hof der erste SoLaWi-Hof. Inspiriert davon wollten wir so etwas in Stuttgart auch starten.

BUND: Woher bezieht ihr die Samen für das Gemüse?

SoLaWiS: Der Reyerhof bezieht für die SoLaWiS samenfeste Sorten als Saatgut oder als Setzlinge bei verschiedenen Partnern. Das Saatgut für Gemüse kommt von Bingenheimer oder direkt von einzelnen Züchtern. Eine Möhrensorte sowie zwei Kohlsorten vermehrt der Reyerhof selbst, stellt also eigenes Saatgut her. Getreide, Kleegras und Zwischenfrüchte werden überwiegend über die Bioland Handelsgesellschaft und Vermarktung Biobauern GmbH bezogen.

BUND: Was macht ihr mit dem übrig gebliebenen Gemüse?

SoLaWiS: Normalerweise bleibt bei uns kein Gemüse übrig. Auf dem Hof wird geerntet und eben nicht nach Marktbedingungen sortiert und auf Schönheit oder Größe geachtet, sondern das Gemüse so verteilt, dass möglichst wenig Lebensmittel verschwendet werden: Es wird alles verteilt, was geerntet wird, ungeachtet etwaiger äußerer Mängel.

Wenn nach der Verteilung doch noch was am Verteilpunkt liegt, dann wird es an die Mitglieder zur Abholung freigegeben. Aber meistens nimmt die letzte Person, die abholt, das restliche Gemüse mit – sie kann es behalten oder weitergeben.

BUND: Merkt ihr einen Wandel bei den Mitgliedern, die euer Gemüse beziehen?

SoLaWiS: Mitglied bei der SoLaWiS zu werden ist für die Mitglieder eine bewusste Entscheidung für regionale und biologisch bzw. biologisch dynamisch produzierte Lebensmittel. Die Mitglieder finanzieren die Herstellung der Produkte vor und unterstützen damit den Landwirt, den Reyerhof, in Investitionen und sichern sein Einkommen. Dies bedeutet ein nachhaltiges und solidarisches Bewusstsein, das die Mitglieder mitbringen.

Die Organisation in Verteilpunkte verlangt ebenfalls ein solidarisches Verhalten, für das sich Mitglieder entschieden haben.

Monatliche Hofeinsätze und wöchentliche after-work-farming Einsätze werden teilweise von Mitgliedern wahrgenommen, die genau wissen wollen, wie der Anbau von Gemüse und Obst erfolgt, wie Weißkraut, Kartoffeln usw. wachsen, welchen Einsatz es bis zur Ernte bedarf.

BUND: Welchen Einfluss hat Corona auf SoLaWiS?

SoLaWiS: Bei uns merken wir zurzeit: ein bisschen mehr (als sonst im Sommer) Anfragen nach Mitgliedschaften (vielleicht liegt das aber auch daran, dass wir größer sind als letztes Jahr und deswegen auch die Mundpropaganda größere Kreise zieht?), zudem kamen gerade zu Beginn der Kurzarbeitsphase einige Helferanfragen.

Aber wir merken auch, dass unsere SoLaWiS sehr stabil ist in der Krise. Es wird alles lokal produziert und der Hof ist nicht abhängig von längeren Lieferketten und Saisonarbeitern, sondern arbeitet mit Festangestellten und langfristig angekündigten Praktikanten. Daher wurden wir wie gewohnt mit unserem leckeren Gemüse versorgt und konnten uns darüber hinaus den Gang in den Supermarkt sparen.

Hier erfährst du mehr: SoLaWiS.de

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